Neuzeitabenteurer (Teil 3)

„Ups, tut mir Leid“, stammelte ich und hoffte inständig, dass ich nicht über den Fuß einer ägyptischen Gottheit gestolpert war. Schließlich wollte ich mir nicht den „Fluch der Pharaonen“ einfangen – eine in Ägypten anerkannte unheilbare Volkskrankheit. Scherz. Nein, der Stein über den ich gestolpert war gehörte zum Boden des riesigen Tempels der Göttin Isis auf der kleinen Insel Agilkia in der Nähe von Assuan – meinem Lieblingstempel. In den letzten Tagen hatten wir täglich die Bekanntschaft mit den prunkvollen Residenzen der ägyptischen Götter und Pharaonen gemacht. Ein Tempel schöner als der andere – einer bestückt mit besser erhaltenen Säulen, Statuen und Bemalungen als der andere. Allesamt unbewohnt, jedoch umgeben und belebt von Mythen, Sagen und Geschichte.

Gebannt lauschten wir unserem Reiseleiter, einem Ägypter der Deutsch und Ägyptologie studiert hatte, als er die Legende um Isis und Osiris erzählte. Die Sonne brannte und wir suchten uns ein Plätzchen im Schatten der riesigen Steinsäulen. Um unseren Reiseleiter anonym umzubenennen braucht es keine Fantasie, denn er sah aus wie Bob Marley und er trug stets die passende gestrickte Mütze mit angenähten Rastazöpfen. Vielleicht ist dies einfach das ägyptische Erkennungszeichen; ein Äquivalent zu den regenschirm-schwingenden asiatischen Reiseleitern?! Wer weiß. „Isis galt als Universalgöttin aber wurde hauptsächlich als Göttin der Geburt verehrt. Sie war die Gattin und die Schwester von Osiris, den meisten bekannt als der Gott der Unterwelt… vielleicht haben Sie schon einmal etwas gehört von der berühmten Legende um Isis und Osiris?“ Und so erzählte Bob Marley den berühmten Mythos, darüber wie der eifersüchtige Gott Seth seinen Bruder Osiris ertränkte und zerstückelte und Isis ihren Gatten nach langer Suche aufspürte und seine Teile wieder zusammenfügte – einzig und allein durch Klagelieder und Gebete.

Die ein oder andere Frau ließ am Ende dieser Geschichte einen Seufzer verlauten. Man muss schon zugeben, abgesehen davon, dass die Legende auf Inzest und Mord basiert, ist sie doch ziemlich romantisch und Bob Marley hatte ein beeindruckendes Talent Geschichte so zu vermitteln, dass das Erzählte interessant, informierend und gleichzeitig unterhaltsam war. (Unglücklicherweise verfügen sehr wenige Reiseleiter über ein solches Talent.) Jedenfalls, als wir dort standen und Tempel Nummer 4 bewunderten und die Luft herrlich nach Basilikum und Wildblumen duftete, realisierte ich, dass bisher jeder Tempel und jedes Bauwerk eine andere Emotion hervorgerufen hatte. Schließlich hatte ich gerade – nach dieser herzzerreißend erzählten Geschichte – die Insel Agilkia und den Isis Tempel auf die „Orte-an-denen-ich-unter-Umständen-zu-einem-Heiraitsantrag-JA-sagen-würde-Liste“ ergänzt mit der Anmerkung: Bob Marley einladen.

Gefühle lagen in der Luft, deshalb hier eine Liste mit Dingen die man in einem ägyptischen Tempel fühlt. Man fühlt sich …

1. … wie ein Abenteurer

Indiana Jones wäre neidisch geworden. Zusammen entzifferten wir die Hieroglyphen an den Tempelwänden in Luxor. Wir entdeckten den ersten Kalender und lernten auch dass die modernen medizinischen Geräte und Heilkünste ihren Ursprung in Ägypten haben. Weltberühmte Abenteurer hatten sich in den Felswänden einiger Tempel durch ihren Namen und die Jahreszahl verewigt: „Wir waren hier“. Ich überlegte ob ich meinen Namen eingravieren sollte, doch wollte ich nicht in einem ägyptischen Gefängnis landen. In neuzeitlicher Manier hätte ich meinen Standort auf Facebook posten sollen: „A. L., 2015 #Ichwarhier #Neuzeitabenteurer“

2. … wie ein Idiot

Es gibt mehrere Sorten Tourist. Eine davon bereitet sich akribisch auf den bevorstehenden Urlaub vor, inklusive historischen Fakten mit Jahreszahl, Namen in sämtlichen Schreibweisen und Sprachen und einem 30-seitigen imaginären Fragenkatalog an den Reiseleiter. Ich gehöre nicht zu dieser Sorte Tourist.

3. … wie ein Star

Normalerweise besichtigt man eine historische Stätte wohl nicht wegen der Touristen, sondern eher wegen seiner geschichtlichen Bedeutung. Nicht aber die Kinder und Jugendlichen der ägyptischen Schulen, die in großen Gruppen durch die Tempelanlagen spazierten. Während unser einer die Bemalungen an den Wänden begutachtet, tuscheln die ägyptischen Teenies aufgeregt über die „Weißen“ (… wobei, so weiß war ich durch die Sonne gar nicht mehr). Alsbald sich einer der Gruppe traute und fragte (mit Händen und Füßen) ob er ein Selfie mit mir machen dürfe und ich in meinem Erstauen auch noch bejahte, fand ich mich plötzlich inmitten einer halben Schlägerei der Schulgruppe im Streit wer zuerst ein Foto mit mir machen dürfe. Tipp: Niemals Ja zu Selfies sagen.

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… und ’ne Buddel voll Rum (Teil 1)

„Gefahr? Ich hab‘ keine Angst vor Gefahr. Hörst du mich, Gefahr? Ich lach dir ins Gesicht!“ (Simba in Der König der Löwen)

Genau das dachte ich auch anfangs, als wir im Shuttlebus saßen, der uns von Marsa Alam nach Luxor bringen sollte. Bis zu diesem Zeitpunkt verlief unsere Reise ohne besondere Vorkommnisse, abgesehen davon dass der Käse auf dem Laugenbaguette im Flugzeug noch tiefgefroren war. Was für ein erwähnenswertes Highlight, oder? Fünf Stunden Flug und dann noch einmal solange mit dem Bus quer durch die Wüste – für mich die längste Anreise zu einem Urlaubsort (oder besser gesagt Abenteuer) bisher. Aus den fünf Stunden Wüstenfahrt wurden allerdings sieben. Der Grund hierfür waren nicht nur die Straßen- und Lichtverhältnisse am späten Abend sondern auch unser „geliebter“ selbsternannter Alleinunterhalter den wir mal nennen: Captain Hook. (Er hatte keinen Haken – aber irgendwie erinnerte er mich an den Piraten aus der Captain Morgan Werbung) – und den Captain Morgan hatte er sogar dabei. Genauso wie den Wodka Gorbatschow und die piratenübliche Buddel voll Rum. So versuchten wir die beeindruckte Wüstenlandschaft, die untergehende Sonne und die vorbeischaukelnden „Wüstenschiffe“ zu beobachten und zu bestaunen – doch schon während der ersten halben Stunde zog die Duftwolke eines Gemisches aus all den oben genannten Spirituosen zu uns hinüber. Heimlich füllte sich Mr. Hook immer wieder den Alkohol in einen Plastikbecher, den er sich wohl selbst mitgebracht hatte. Fast wie auf einer WG-Party. Während wir uns darüber aufregten, dass der Herr wohl das „Skyshopping“ etwas zu ernst genommen hatte, durchfuhren wir den ersten „Checkpoint“. Mit Gewehren flankiert, umrundete die Polizei den Bus. Kurze Zeit später durften wir weiterfahren. Wir hatten schließlich keine unerlaubten Substanzen an Bord. Nein! Unser Reisebegleiter, ein jüngerer Ägypter mit der Gelassenheit und Geduld eines Elefanten, welcher im Übrigen ausgezeichnet Deutsch sprach, wies unseren Alkoholfetischisten mehrmals darauf hin, dass dieser in Ägypten strengstens verboten sei.

Eine weitere Stunde später torkelte Hook durch den engen Gang des Busses und wies die anderen Reisegäste in drei Sprachen darauf hin, dass sie eine – ich zitiere – „scheiß verdammte Billigreise“ (den russischen Akzent muss man sich dazu denken – Klischee erfüllt würde ich sagen!) gebucht hätten. Die Wüstenüberfahrt hätte nicht im Prospekt gestanden, versuchte sich seine Frau, Mrs. Hook, kurz für das Benehmen ihres Mannes zu rechtfertigen. Vermutlich hatte sie gedacht, dass das rote Meer und der Nil ein und dasselbe waren, flüsterte ein Mann hinter mir sarkastisch. Captain Hook hatte sich inzwischen wieder hingesetzt und erzählte und redete und lästerte für die nächste Stunde – ohne Unterbrechung in einer unaushaltbaren Lautstärke. Der Alkohol floss kontinuierlich weiter. Die anderen Reiseteilnehmer wurden minütlich ungeduldiger und genervter. Der zweite Polizeicheckpoint verlief ohne Probleme, obwohl unser Alkoholikerfreund unser Gefährt in eine Art Discobus verwandelt hatte – wobei Captain Hook der DJ war UND die tanzende Masse darstellte. Alle anderen wollten aber gerne schlafen. Mrs. Hook schmökerte weiterhin in ihrem Liebesroman. Oh, was muss das für eine Liebe sein? Ihr Mann konnte sich mittlerweile kaum noch normal ausdrücken und wurde aggressiv sobald andere Mitreisende ihn dazu aufforderten sich hinzusetzen und still zu sein. Unser Reisebegleiter, auch liebevoll „Maestro“ genannt von unserem Piratenfreund, verbrachte nun viel Zeit damit auf den eindeutig alkoholabhängigen Mann einzureden. Seine Frau fand das Verhalten ihres Mannes zwar peinlich – aber da es der „erste Urlaub seit 5 Jahren“ sei, würde sie ihn auf keinen Fall abbrechen. Der Entzug hätte sowieso keinen Sinn. Der nächste Polizeicheckpoint war schon in Sicht. Captain Hook konnte die Fahrerei nicht mehr ertragen und stieg aus dem Bus, obwohl ihm laut unserem Reiseleiter das Gefängnis drohte, sollte die Polizei merken (und ja, das würden sie merken!), dass er Alkohol getrunken hatte. Wie durch ein Wunder wurde er nicht abgeführt oder erschossen (es sah einen kurzen Moment wirklich so aus).

Inzwischen war es dunkel. Wir diskutierten darüber, wie es versicherungstechnisch aussehen würde, wenn wir Captain Hook in der Wüste aussetzten. Doch dann hatten wir die Sandlandschaften schon durchfahren und konnten einen ersten Eindruck von den ägyptischen Städten Esna und Luxor gewinnen. Während wir versuchten, so viel wie möglich in der Dunkelheit zu erspähen und zu fotografieren, lachte Hook über die „Männer in Kleidern“. Der Maestro drohte nun mehrmals an ihn von der Polizei abholen zu lassen. Selbst seine Engelsgeduld schien nach 6,5 Stunden aufgebraucht zu sein. Verständlicherweise.

Schlussendlich kamen wir erschöpft auf unserem Schiff an und unsere Reise konnte nun endlich richtig losgehen – also inklusive der Entspannung. Glücklicherweise landete Hook auf einem anderen Schiff. Vermutlich laß Mrs. Hook ihren Liebesroman fertig und vermutlich hatte Captain Hook am nächsten Tag einen ordentlichen Kater. Aber aus sicherer Quelle weiß ich eins: Bei der Ton- und Lichtshow im Karnak Tempel ein paar Tage später tanzte er auf den Säulen des historischen Bauwerks. Der Gott Amun-Re hat sich das hoffentlich nicht gefallen lassen und ihn mit einem Spezialfluch a là „Ab in die Entzugsanstalt“ belegt. Zumindest möchte man das hoffen.

„Gefahr? Ich hab‘ keine Angst vor Gefahr. Hörst du mich, Gefahr? Ich lach dir ins Gesicht!“ Naja, nach dieser abenteuerlichen und obendrein gefährlichen Hinreise lachte ich ihr nicht mehr ins Gesicht. Aber lächeln tat ich noch.