… und ’ne Buddel voll Rum (Teil 1)

„Gefahr? Ich hab‘ keine Angst vor Gefahr. Hörst du mich, Gefahr? Ich lach dir ins Gesicht!“ (Simba in Der König der Löwen)

Genau das dachte ich auch anfangs, als wir im Shuttlebus saßen, der uns von Marsa Alam nach Luxor bringen sollte. Bis zu diesem Zeitpunkt verlief unsere Reise ohne besondere Vorkommnisse, abgesehen davon dass der Käse auf dem Laugenbaguette im Flugzeug noch tiefgefroren war. Was für ein erwähnenswertes Highlight, oder? Fünf Stunden Flug und dann noch einmal solange mit dem Bus quer durch die Wüste – für mich die längste Anreise zu einem Urlaubsort (oder besser gesagt Abenteuer) bisher. Aus den fünf Stunden Wüstenfahrt wurden allerdings sieben. Der Grund hierfür waren nicht nur die Straßen- und Lichtverhältnisse am späten Abend sondern auch unser „geliebter“ selbsternannter Alleinunterhalter den wir mal nennen: Captain Hook. (Er hatte keinen Haken – aber irgendwie erinnerte er mich an den Piraten aus der Captain Morgan Werbung) – und den Captain Morgan hatte er sogar dabei. Genauso wie den Wodka Gorbatschow und die piratenübliche Buddel voll Rum. So versuchten wir die beeindruckte Wüstenlandschaft, die untergehende Sonne und die vorbeischaukelnden „Wüstenschiffe“ zu beobachten und zu bestaunen – doch schon während der ersten halben Stunde zog die Duftwolke eines Gemisches aus all den oben genannten Spirituosen zu uns hinüber. Heimlich füllte sich Mr. Hook immer wieder den Alkohol in einen Plastikbecher, den er sich wohl selbst mitgebracht hatte. Fast wie auf einer WG-Party. Während wir uns darüber aufregten, dass der Herr wohl das „Skyshopping“ etwas zu ernst genommen hatte, durchfuhren wir den ersten „Checkpoint“. Mit Gewehren flankiert, umrundete die Polizei den Bus. Kurze Zeit später durften wir weiterfahren. Wir hatten schließlich keine unerlaubten Substanzen an Bord. Nein! Unser Reisebegleiter, ein jüngerer Ägypter mit der Gelassenheit und Geduld eines Elefanten, welcher im Übrigen ausgezeichnet Deutsch sprach, wies unseren Alkoholfetischisten mehrmals darauf hin, dass dieser in Ägypten strengstens verboten sei.

Eine weitere Stunde später torkelte Hook durch den engen Gang des Busses und wies die anderen Reisegäste in drei Sprachen darauf hin, dass sie eine – ich zitiere – „scheiß verdammte Billigreise“ (den russischen Akzent muss man sich dazu denken – Klischee erfüllt würde ich sagen!) gebucht hätten. Die Wüstenüberfahrt hätte nicht im Prospekt gestanden, versuchte sich seine Frau, Mrs. Hook, kurz für das Benehmen ihres Mannes zu rechtfertigen. Vermutlich hatte sie gedacht, dass das rote Meer und der Nil ein und dasselbe waren, flüsterte ein Mann hinter mir sarkastisch. Captain Hook hatte sich inzwischen wieder hingesetzt und erzählte und redete und lästerte für die nächste Stunde – ohne Unterbrechung in einer unaushaltbaren Lautstärke. Der Alkohol floss kontinuierlich weiter. Die anderen Reiseteilnehmer wurden minütlich ungeduldiger und genervter. Der zweite Polizeicheckpoint verlief ohne Probleme, obwohl unser Alkoholikerfreund unser Gefährt in eine Art Discobus verwandelt hatte – wobei Captain Hook der DJ war UND die tanzende Masse darstellte. Alle anderen wollten aber gerne schlafen. Mrs. Hook schmökerte weiterhin in ihrem Liebesroman. Oh, was muss das für eine Liebe sein? Ihr Mann konnte sich mittlerweile kaum noch normal ausdrücken und wurde aggressiv sobald andere Mitreisende ihn dazu aufforderten sich hinzusetzen und still zu sein. Unser Reisebegleiter, auch liebevoll „Maestro“ genannt von unserem Piratenfreund, verbrachte nun viel Zeit damit auf den eindeutig alkoholabhängigen Mann einzureden. Seine Frau fand das Verhalten ihres Mannes zwar peinlich – aber da es der „erste Urlaub seit 5 Jahren“ sei, würde sie ihn auf keinen Fall abbrechen. Der Entzug hätte sowieso keinen Sinn. Der nächste Polizeicheckpoint war schon in Sicht. Captain Hook konnte die Fahrerei nicht mehr ertragen und stieg aus dem Bus, obwohl ihm laut unserem Reiseleiter das Gefängnis drohte, sollte die Polizei merken (und ja, das würden sie merken!), dass er Alkohol getrunken hatte. Wie durch ein Wunder wurde er nicht abgeführt oder erschossen (es sah einen kurzen Moment wirklich so aus).

Inzwischen war es dunkel. Wir diskutierten darüber, wie es versicherungstechnisch aussehen würde, wenn wir Captain Hook in der Wüste aussetzten. Doch dann hatten wir die Sandlandschaften schon durchfahren und konnten einen ersten Eindruck von den ägyptischen Städten Esna und Luxor gewinnen. Während wir versuchten, so viel wie möglich in der Dunkelheit zu erspähen und zu fotografieren, lachte Hook über die „Männer in Kleidern“. Der Maestro drohte nun mehrmals an ihn von der Polizei abholen zu lassen. Selbst seine Engelsgeduld schien nach 6,5 Stunden aufgebraucht zu sein. Verständlicherweise.

Schlussendlich kamen wir erschöpft auf unserem Schiff an und unsere Reise konnte nun endlich richtig losgehen – also inklusive der Entspannung. Glücklicherweise landete Hook auf einem anderen Schiff. Vermutlich laß Mrs. Hook ihren Liebesroman fertig und vermutlich hatte Captain Hook am nächsten Tag einen ordentlichen Kater. Aber aus sicherer Quelle weiß ich eins: Bei der Ton- und Lichtshow im Karnak Tempel ein paar Tage später tanzte er auf den Säulen des historischen Bauwerks. Der Gott Amun-Re hat sich das hoffentlich nicht gefallen lassen und ihn mit einem Spezialfluch a là „Ab in die Entzugsanstalt“ belegt. Zumindest möchte man das hoffen.

„Gefahr? Ich hab‘ keine Angst vor Gefahr. Hörst du mich, Gefahr? Ich lach dir ins Gesicht!“ Naja, nach dieser abenteuerlichen und obendrein gefährlichen Hinreise lachte ich ihr nicht mehr ins Gesicht. Aber lächeln tat ich noch.

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Tutte le direzioni oder Susi & Strolch’s Abenteuer (Teil 6)

Es gab einen Tag während meiner Zeit in Italien an dem ich – ja es ist wahr – entsetzlich enttäuscht war. Nach einem erfolgreichen und selbstbewussten Fahrkartenkauf auf Italienisch („Un biglietto per Verona, per favore!“ – wie schön das klingt) und einer unterhaltsamen Zugfahrt von Desenzano nach Verona stand ich dort am Bahngleis und fragte mich wie immer zuerst eins: Verdammt, wo geht’s jetzt eigentlich lang?

Dazu eine kleine Anmerkung: Ich habe leider keinen Orientierungssinn! Und wenn ich doch einen besitze, dann reicht er allerhöchstens vom Wohnzimmer ins Badezimmer. Genau heute vor 2 Jahren lernte ich also Marburg auf eine ganz andere Art und Weise kennen – durch die OE (Orientierungseinheit) für alle neuen Studenten. Ich lernte, dass es in Marburg Trinkwasserbrunnen gibt und durchlief Gassen und Gänge der Oberstadt von denen ich gar nicht wusste, dass sie existierten. Ich besuchte mindestens 3 Kneipen in denen ich noch nie zuvor war. Und das als Marburgerin. Eine Schande. Zurück nach Verona.

Mittlerweile war auch meine Reisebegleiterin für den Tag angekommen. Eine Amerikanerin, die auf großer Europareise war und ebenfalls einen Aufenthalt in Italien einplante. Wir beschlossen einfach mal dem Strom zu folgen. Und genau das ist es, was uns an diesem Tag enttäuschte. Wir folgten den Touristenströmen zur Arena von Verona – hier dachten wir uns nur „mamma mia“ als wir die Eintrittspreise sahen aber reihten uns in die Schlange ein. Schließlich kletterten wir im allgemeinen Gedrängel die Stufen der Arena hinauf um die wunderschöne Aussicht zu genießen die hinter vier riesigen Kränen und dem Baulärm sicher recht lohnenswert gewesen wäre. Weiter ging es vom Torre dei Lamberti zur San Zeno Maggiore und über den Piazza Erbe zur Kathedrale und wiederum weiter zu anderen Sehenswürdigkeiten, die nur nach Bezahlung ungeheurer Geldsummen zugänglich waren. So hetzten wir schwitzend von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, ob sehenswert oder nicht und füllten regelmäßig unsere Wasserflaschen an den urigen Trinkwasserbrunnen auf die überall in der Stadt zu finden waren und von denen ich so begeistert war, denn solche gibt es ja NICHT in Marburg, wie ich immer wieder betonte. Und dann passierte es: Ich sah DAS Schild. Zum Casa di Giulietta. Julia’s Haus. (Genau, Shakespeare’s Julia). Es grenzt schon an Naivität hier einen wunderschönen, nostalgischen kleinen Innenhof zu erwarten, der von diesem kleinen und berühmten Balkon überblickt wird. Wildblumen, die sich ihren Weg durch das alte Gemäuer bahnen. Ruhe und Melancholie. Das erste was ich aber beim Betreten dieses kleinen „Paradises“ (ab)bekam, war der Ellbogen eines Mannes, der gerade im richtigen Winkel ein Foto von seiner Liebsten machen wollte. Etwas naiv wie ich bin und gelegentlich noch blickend durch den Disney-Tunnelblick, erbot sich mir ein Bild des Grauens. Souvenirshop an Souvenirshop, romantisch dreinblickende Damen die vor Julia’s Balkon posierten oder schelmisch-grinsende Männer, die Julia’s Statue „begrabschten“ (Es soll ja Glück bringen!). Die Wände übersäht mit kleinen Papierzetteln, Graffiti und vor allen Dingen Kaugummis. Nur fünf Minuten hielten wir es aus, von denen wir vier Minuten Kameras asiatischer Mitmenschen bedienen durften um von ihnen Fotos zu schießen. Arrivederci, Julia.

Enttäuscht gingen wir weiter. Wir lösten uns von den Touristen und bogen in eine Querstraße ein. Dann in die nächste. Dann in die nächste. Und so schnell hatten wir uns in den kleinen Seitengassen verirrt. Unsere Geldbeutel waren fast leer – doch hatten wir Hunger. Also beschlossen wir einfach weiterzugehen bis wir etwas Essbares finden konnten. Nur wenige Minuten später sahen wir ein kleines Schild welches zu einem Restaurant führen sollte. Wir betraten einen Hinterhof – ein plätschernder Brunnen, Efeu, bunte Blumen, kleine Holztische mit typisch rot-weiß karierten Tischdecken, gedeckt mit Weingläsern und Silberbesteck erwarteten uns. Ob Romeo und Julia hier ihr erstes Date hatten? Vielleicht. Es waren nur wenige andere Menschen da und wir suchten uns einen schönen Tisch neben dem Brunnen aus. Irgendwie heißen in Italien alle Giovanni, so auch der nette Herr der uns unsere Spaghetti Bolognese servierte. Wir verbrachten einen lustigen Abend mit italienischem Wein und Geigenmusik (und peinlichen Versuchen unser Italienisch zu perfektionieren). Wenn meine amerikanische Freundin ein amerikanischer Freund gewesen sei, hätte unser Abendessen auch die reale Version von Susi & Strolch sein können – ohne Flöhe allerdings. Wir lachten viel und hatten Spass – und das außerhalb der üblichen Touristenattraktionen, ganz unerwartet. Ganz auf Abwegen. Und das ist auch die Poente dieser Geschichte und das was ich aus Italien mitgenommen habe: Man kann seine eigenen Richtungen bestimmen und man sollte alle Wege ausprobieren. Auch die kleinen Seitenstraßen. Eben tutte le direzioni – ihr habt es erraten: Das sind meine Lieblingsworte auf Italienisch.

Und Walt Disney siegt über Shakespeare.

HAPPY END

Halloween und Klopapier

Ein Tag wie heute, lässt mich einmal mehr zurückblicken. Er versetzt mich zurück ins Jahr 2011, zurück ins Geisterkabinett, zurück ins Land der Kobolde und Feen, hin zu den Wurzeln des womöglich schrägsten Tages, den ich in Irland miterleben durfte: Halloween. Der Tag, an dem mir die bisher ungewöhnlichste Frage meines Lebens gestellt wurde: Würdest du bitte das Klopapier aus dem Fenster werfen?

Bevor ich allerdings die „Geschehnisse des 31. Oktobers“ genauer beleuchte, möchte ich euch von den Tagen vor dem Gruselfest erzählen. Wie an den meisten freien Abenden spazierte ich durch das hübsche Küstenstädtchen Greystones. Ich ging in den nächstgelegenen Supermarkt und reihte mich kurze Zeit später in die Schlange an der Kasse ein. Wieder einmal hatte nur eine von fünf Kassen geöffnet. Genau wie daheim, dachte ich und legte den ausgesuchten Apfel auf das Band. Beim Anblick des Kassenbandes schreckte ich ruckartig zurück und hätte dabei den Apfel beinahe in Obstsalat verwandelt, wenn ein hinter mir stehender Vampir ihn nicht aufgefangen hätte. Moment mal, ein Vampir? Ich schreckte ein zweites Mal zusammen. Grinsend verkündete mir Graf Dracula, dass er wohl die richtige Kostümwahl getroffen habe. Ich drehte mich wieder um und begutachtete erstaunt die Einkäufe auf dem Kassenband. Neben zahlreichen Fläschchen Kunstblut und Gesichtsfarben, rollten kleine, blutunterlaufene Augen gefährlich nah auf meinen Apfel zu. Die kleinen und haarigen Plastikspinnen, ein künstliches Herz und die Packung durchaus echt aussehende Maden befanden sich ebenfalls in unmittelbarer Entfernung meines kostbaren Apfels. Ich entschied mich, ihn solange festzuhalten bis ich an der Reihe war und wurde mit verwunderter und ratloser Miene von der Verkäuferin angeschaut, als ich ihr das Geld für meinen Einkauf überreichte. Ich war wohl an diesem Tag die einzige Kundin, die kein „Made in Taiwan“, „Made in China“ oder „Made in Bangladesch“-Produkt gekauft hatte. 

Am Tag vor Halloween unternahm ich mit dem kleinen Prinzen (ihr erinnert euch bestimmt an ihn aus meinen älteren Berichten!?) einen Spaziergang. Während der kleine Herr fröhlich in seinem Kinderwagen brabbelte und kicherte, fielen mir die Menschen auf die in ihren Vorgärten beschäftigt waren. Sobald sich ein Fußgänger, Nachbar oder eine andere Lebensform näherte, fingen die beschäftigten Hausbewohner plötzlich an zu tuscheln und versuchten ihre Machenschaften zu verbergen. Es war natürlich nicht zu übersehen, dass sie ihre Dekorationen für Halloween an ihren Häusern anbrachten. Obwohl ich mir zu diesem Zeitpunkt darüber bewusst war, dass der 31. Oktober ein ganz besonderer Tag in Irland war und dass Kinder ihn mit Weihnachten nahezu gleichsetzten, war ich mir dennoch nicht klar darüber, was mich am nächsten Tag erwartete. Zugegeben, einen Hauch der Ahnung ereilte mich schon, nachdem ich den Kinderwagen auf dem Rückweg viel zu nah an einem charmant lächelnden Kürbis mit integriertem Bewegungssensor vorbeischob. 

Graf Dracula im Rosenbusch

Dann kam der Tag der Wahrheit oder besser des Grauens: Halloween. Am Morgen eilte ich durch die Stadt. In all der Aufregung hatte ich komplett vergessen, dass die Kinder von mir erwarteten, dass ich am Abend ebenfalls verkleidet auftreten würde und mit ihnen auf Süßigkeitenjagd in der Nachbarschaft ging. Als vorbildliche „große Au-Pair-Schwester“ eilte ich los – die Auswahl war natürlich sehr beschränkt: ich konnte mich entweder in Satan’s Ehefrau verwandeln oder in einen Axtmörder mit grauem Bart. Die Entscheidung fällte ich in Sekunden und als ich wieder daheim eintraf, hatte das Dekorieren der Küche, des Flurs und des restlichen Hauses schon begonnen. Kürbisse und Hexen klebten an den Fenstern und ungefähr dreidutzend Dekofiguren hatten auch schon ihren rechtmäßigen Platz gefunden. Meine Gastfamilie wollte aber in diesem Jahr etwas ganz besonderes und neues ausprobieren. Die nächsten zwei Stunden verbrachte ich also auf Wunsch von Albert Einstein damit, acht Rollen Klopapier spinnennetzartig von Fenster zu Fenster zu spannen und zu werfen, zu befestigen und zu verknoten. Eine wahrliche Innovation, das Haus in eine Art überdimensionale Toilette zu verwandeln, dachte ich. Zugegeben, bei Anbruch der Dunkelheit sahen die Toilettenpapiergirlanden gar nicht mal so übel aus. 

Mit der Dunkelheit kam noch etwas: eine Flutwelle an Geistern, Vampiren, verzauberten Meerjungfrauen und Frankenstein’s Monster klingelte auch an der Haustür. Sie alle wollten nur eins: Süßigkeiten. Gut, dass die fünf Kilogramm Zuckerstangen, Lollis und Schokolade gerade so genügt haben. 
Anschließend bin ich selbst mit Mary Poppins, verkleidet als Prinzessin, Albert Einstein, verkleidet als Skelett, dem kleinen Prinzen, verkleidet als Baby-Krokodil und meiner Gastmutter, verkleidet als Hexe, aufgebrochen in die dunklen Straßen der Nachbarschaft und habe folgendes gelernt:

1. Vertraue keinen netten, kleinen, alten Damen

Wie der Titel schon verspricht, wurden wir beim ersten Haus von einer netten, kleinen, alten Dame begrüßt. Sie bat uns freundlich näher zu treten und kurz zu warten, bis sie ihre Schüssel mit Süßigkeiten aus der Küche geholt hatte. „Keine bösen Überraschungen beim ersten Haus“, freute sich Albert Einstein. Plötzlich allerdings heulte eine unheimliche Stimme hinter uns, dass wir uns nicht bewegen dürften. In den Büschen um uns leuchteten Augen auf, Figuren bewegten sich und spielten unheimliche Melodien. Hinter uns stand auf einmal ein alter Mann, verkleidet als Mumie und jagte und alles einen riesigen Schrecken ein. So schnell, wie die Mumie und die gesamte gespenstische Szenerie gekommen war, war sie auch wieder verschwunden. Die Tür des Hauses ging wieder auf, die alte Dame übergab mit einem Lächeln Süßigkeiten an die Kinder und verabschiedete sich mit einem „Happy Halloween“. Als wir das Grundstück verließen, konnten wir sie aber hinter den Büschen mit der Mumie kichern hören. Es schien, als hätte das alte Ehepaar das ganze Jahr auf diesen einen Tag gewartet.

2. Der Weihnachtsmann lebt nicht am Nordpol

Einige Häuser weiter öffnete uns ein Herr im Weihnachtsmannkostüm. Meine Gastmutter und ich hätten uns einige komplizierte und aufklärende Gespräche über den tatsächlichen Wohnort des Weihnachtsmannes sparen können, wenn sich dieser nette Herr in Rot nicht im Tag vertan hätte oder ein wenig kreativer hätte sein können.

3. Ein Kürbis hat Grips 

Es schien so, als ob die ganze Nachbarschaft darum wetteiferte, wer die beste Dekoration und die kreativsten Einfälle hatte.

 

Ein Haus übertraf das nächste. Ich hatte noch nie solche Massen anPlastikdekorationen gesehen: Hexen, die aus dem Fenster hingen, Kürbisse die sprachen und sich bewegten, Plastikratten, die auf einen zu rennen, sobald man sich nähert, ferngesteuerte Fledermäuse und Lichterketten in allen erdenklichen Farben. Doch nichts geht über einen „echten“ sprechenden Kürbis: Einen Familienvater in Kartoffelsäcken zu verpacken und dann zwischen den Rosenbüschen zu platzieren, mit einem Kürbis auf dem Kopf, würde ich als mein persönliches Highlight bezeichen. Es kann aber auch sein, dass ich einfach nur Mitleid hatte.

Immerhin erreichten wir das Ziel des Abends: das Sammeln einer Unmenge an Süßigkeiten und das Gruseln in den Straßen des zur „Rocky Horror Picture Show“ mutierten Greystones. Ich habe eine wunderbare, wenn auch ungewohnte Erfahrung gemacht. Ich habe gelernt, dass ich mein Geld für Freizeitparks oder Geisterbahnen in Zukunft sparen kann, denn in Irland bekommt man Graf Dracula und das Frankenstein Monster einmal jährlich kostenlos zu sehen. Alle hatten ihren Spass und wenn dann doch mal vor Angst eine Träne gefallen ist: ich wusste ja wo das Toilettenpapier war.

In 80 Tagen um die Welt

Der Titel trifft nicht so ganz auf meine Reise zu, aber zumindest glaube ich zu wissen wie sich Phileas Fogg im Abenteuerroman „In 80 Tagen um die Welt“ gefühlt haben muss. Ich bin zwar nicht mit einem Dampfschiff durch den Suez-Kanal gefahren, doch war die Fahrt vom Osten zum Westen bis hin zum Norden Irlands in einem Kombi mit drei kleinen Kindern mindestens genauso spannend – auch wenn Phileas Fogg wohl durchaus die besseren Karten gezogen hatte, was die Wahrscheinlichkeit von Behinderungen des Verkehrsflusses durch Schafe und Kühe anging. Eine Woche vor meiner Ankunft in Irland teilte mir meine Gastmutter nämlich mit, dass wir in den ersten vier Wochen meines Abenteuers sehr viel reisen würden, da die Kinder Ferien hatten und dies die übliche Zeit war in den Urlaub zu fahren und die Großeltern zu besuchen. Deshalb möchte ich meinen heutigen Titel nun wie folgt abändern:

In 28 Tagen durch Irland

Wie aufregend. In meinen ersten Wochen durfte ich so viel von Irland sehen, wie man es sich nur wünschen konnte. Traumhaft schöne Küsten und Strände, wunderschöne Sonnenuntergänge, lange Spaziergänge durch die Natur und nur wenig Regen erwarteten mich in der Region „Kerry“ im Süden Irlands, wo wir die ersten 10 Tage unseres Langzeiturlaubs verbrachten. Die Familie hatte sich dort ein Ferienhaus gemietet, unweit vom Strand und von einem hübschen Dörfchen namens „Dingle“ entfernt. Die Tage im Süden verbinde ich heute am ehesten mit den typisch irischen Pubs und dem guten alten Guinness. Oh ja, es gibt kaum etwas, das mehr Spass macht, als ein Guinness, eine Gitarre, eine Flöte und ein kleiner bunter Raum, in dem sich die Gemeinschaft zusammenfindet und von ganzem Herzen feiert, lacht und singt. Gemeinschaft ist ein Wort, dass ich nach meinem Irland-Aufenthalt anders definiere: Freundlichkeit, Offenheit und Verständnis für JEDEN. Als ich nämlich zusammen mit meiner Gastmutter abends um die Häuser zog um das Nachtleben Irlands kennenzulernen, wurde ich herzlich begrüßt wie jeder andere und gehörte ganz automatisch mit dazu. Die Atmosphäre in einem Pub muss man selbst erleben, doch kann ich sagen, dass sich der „Irish Coffee“ (Irischer Kaffee mit Schuss) nicht mit diversen irischen Biersorten wie Guinness, Kilkenny oder Bulmers verträgt. Ja, ich habe ALL diese Getränke bei meinem ersten Pubbesuch ausprobiert und habe danach fröhlich Lieder mitgesungen, die ich eigentlich gar nicht kannte. Woher ich plötzlich die Texte konnte? Weiß ich nicht mehr.

Aber weiter geht die Reise in die wunderschöne Region „Donegal“: Berge, steile Klippen, feiner Sand und ein unglaublich kalter atlantischer Ozean erwarteten mich dort. Hier verbrachten wir die nächsten Wochen unseres Urlaubs bei der Großmutter der Kinder. In Donegal machte ich meine ersten Erfahrungen mit einem typisch irischen „Bed & Breakfast“, in dem ich aus Platzmangel im Haus der Großmutter in den nächsten Wochen wohnte. Altmodisch und knallbunt eingerichtet, Farben die ich nicht mal an Karneval kombinieren würde, wenn ich mich als Farbtopf verkleiden wollte – trotzdem auf eigenartige Weise aber gemütlich. In Donegal konnte ich nicht nur in die unterschiedlichsten dörflichen Akzente „reinhören“, sondern auch in die gälische Sprache, die dort oben noch gesprochen wird. Das winzige Dorf in dem wir wohnten bot nicht viele Attraktionen, es lag ziemlich abgeschieden vom Rest der Welt an einer Küste und Touristen fanden ihren Weg nur schwerlich bis dorthin. Es gab nur hin und wieder einen Höhepunkt. Einen Tag an dem die meisten Frauen aufgeregt durch das Dorf rannten und tuschelten und sich für den anstehenden „Abend der in die Geschichte eingehen würde“ aufbrezelten. Ja, ein Jungesellinnen-Abschied stand an. Ich hatte das „Glück“ an einem dieser besonderen Ereignisse anwesend zu sein. Das war der Tag auf den alle gewartet hatten, denn es gab nur eine Berühmtheit in diesem kleinen, scheinbar gar nicht unschuldigen Dörfchen: den Dorfstripper. Hätte er gut ausgesehen und nicht jedes einzelne Klischee erfüllt, wäre mir eine Nacht voller Alpträume über sich entkleidende Gartenzwerge in Nachbars Garten erspart geblieben. Aber man (frau) kann ja nicht alles haben.

An Tag 28 reisten wir zurück in die Region „Wicklow“, in der ich mich endlich richtig niederlassen, viele Freundschafen schließen konnte und all das Erlebte der letzten Wochen Revue passieren ließ. Gerade jetzt war ich im Grunde erst richtig angekommen in meinem neuen Zuhause in Greystones – nur eine dreiviertel Stunde von Irlands Hauptstadt entfernt – und hatte schon so viele Eindrücke gesammelt. Wicklow, dort wo Filme wie „Braveheart“ und „P.S. – Ich liebe dich“ gedreht wurden, spiegelte die wunderschöne Natur Irlands wieder und hier zu wohnen war für mich ein unglaubliches Erlebnis. Wer hat schon einen Strand vor der Haustür und eine Hauptstadt in unmittelbarer Entfernung? In Wicklow und Dublin lernte ich die meisten meiner Freunde kennen und für uns war es der Ausgangspunkt für alle weiteren Abenteuer.

Hätte ich – wie Phileas Fogg – eine Wette darauf abgeschlossen, dass ich von Irland so viel sehen würde wie er von der ganzen Welt, hätte ich also vermutlich gewonnen. Wo ist mein Geld?

Über mein Praktikum „Mami im Fachbereich Leben“

In einem weit entfernten Königreich lebten drei kleine Kinder – Albert Einstein, Mary Poppins und Der kleine Prinz. Herr Einstein, ein agiler Junge von 5 Jahren, verstand sich nicht nur äußerst gut im Bau von gigantischen Legostädten, sondern hatte auch das Talent seine Eisenbahngleise so zu verlegen, dass meine Füße mehreren Krankenhausbesuchen nur knapp entgingen. Er war ein wirklich schlauer junger Mann. Zugegeben, vor meinem Au Pair Aufenthalt dachte ich tatsächlich, dass meine grauen Zellen wohl nicht ganz so stark gefördert werden würden – schließlich verbrachte ich einen Großteil meiner Zeit mit Kindern unter 5 Jahren. Albert Einstein belehrte mich definitiv eines Besseren. Eine Frage wie „Wo lagert die Zahnfee eigentlich die ganzen Kinderzähne ein?“ endete in einer Diskussion über umweltbewusste Mülltrennung. Schließlich verwesen Zähne ja nicht, so Einstein, deshalb könnte es ja sein, dass der Planet irgendwann aus Milchzähnen besteht und nicht aus Atommüll. Im Ernst, an dieser Stelle möchte ich dem Erfinder von Wikipedia meinen außerordentlichen Dank aussprechen. Wieso ich diesen wunderbaren jungen Mann im weiteren Verlauf Albert Einstein nenne, dürfte somit geklärt sein.

Mary Poppins war die wunderhübsche, kleine Prinzessin von 3 Jahren, die ich nach dem gleichnamigen Film von 1964 benannt habe, den wir ungefähr 1450 Mal zusammen anschauten. Miss Poppins Begabungen waren doch eher femininer Natur – von der täglichen Auswahl des richtigen Ballkleides (ob es nun das gelbe Gewandt aus „Die Schöne und das Biest“ wurde oder das blaue Kleid von „Cinderella“ hing wohl hauptsächlich von der Stimmung ab) bis hin zur täglichen Tanz- und Singeinlage. Ihr gesamtes Leben basierte zu diesem Zeitpunkt auf einer Mischung aus Walt Disney und Feenstaub (welcher sich übrigens auch mit dem Staubsauger extrem schlecht von einem neuen Sofa entfernen lässt). Wenn nicht ihre imaginären Freunde als die „Bösen“ im Spiel hinhalten mussten, durfte ich gerne einspringen und den „verzauberten Drachen“ oder das „Biest“ spielen. Angemalt mit (zumeist) wasserlöslichen Fingerfarben sprang ich also wild durch das Haus und brauchte mir selbstverständlich keine Sorgen über die – in meiner Hinsicht – ungerechte Rollenverteilung machen. Mary Poppins klärte mich nämlich darüber auf, dass auch wenn ich einen bösen, gemeinen und obendrein hässlichen Charakter spiele, sich dieser in ihrem Spiel zum Schluss IMMER in einen wunderschönen und netten Prinzen verwandelt. Wie gerne hätte ich einmal eine Frauenrolle übernommen – leider passte das nicht zu mir, so Mary Poppins. Schade.

Junggeselle Nummer drei, welchen ich einfach nur den kleinen Prinz nenne, war gerade einmal ein Jahr alt geworden. Eine seiner Leidenschaften war das ungezwungene Lächeln, gepaart mit einem heftigen Kicheranfall, falls begründet. Seine Hobbys waren hauptsächlich das Ausräumen der Plastikdosen aus den unteren Küchenschränken und das eintönige, dennoch irgendwie rhythmische Schlagen eines Kochlöffels gegen die Spülmaschine. Weiterhin liebte er es, der Waschmaschine bei der Arbeit zuzuschauen – es drehte und drehte und drehte sich. Der kleine Prinz, mit seinem charmanten Lächeln und seinen charismatischen blauen Augen liebt des Weiteren lange Spaziergänge am Strand, um diesen Absatz so kontaktanzeigenmäßig abzuschließen, wie ich ihn auch begonnen habe.

Leben teilen, Neues lernen

Da waren nun drei kleine Kinder um die ich mich täglich kümmerte und mit denen ich Freud und Leid teilte, viele Umarmungen und Küsse, aber auch schlaflose Nächte. Das Haus meiner Gastfamilie war recht klein und deshalb war es unmöglich, einfach dem Familienleben zu entfliehen. Selbstverständlich – was ich sehr positiv anrechne – wollten mich die Kinder nicht nur während meiner Arbeitszeit ganz für sich haben. Ich denke, dass das irgendwie für mich spricht, oder? Speziell der kleine Prinz krabbelte morgens an mein Bett und starrte mich so lange an, bis ich mich im Schlaf beobachtet fühlte. Falls das nicht klappte, hatte er schnell Plan B parat und zog an meinen Haaren oder klopfte gegen das Nachtschränkchen. Schließlich bekam er ohne mich kein Frühstück. Obwohl er in den wenigsten Fällen seinen Mund traf, wollte der kleine Prinz am liebsten alles selbst machen – essen und trinken, auch Skateboard fahren und mein Handy in die Badewanne werfen.

Mary Poppins, Albert Einstein, der kleine Prinz und ich verbrachten viele wundervolle Stunden auf dem Spielplatz, in der Eisdiele, im Aquarium, am Strand, im Park, im Garten, in der Badewanne und im Spielzimmer. Natürlich war es nicht immer leicht mit drei kleinen Kindern, doch habe ich wirklich viel gelernt und hatte viel Spass.

Im Nachhinein sehe ich das Ganze schon fast gar nicht mehr als Au Pair Aufenthalt – schließlich ist das ganze keine Arbeitsstelle in dem Sinne – sondern würde es als Praktikum „Mami im Fachbereich Leben“ bezeichnen. Nicht nur sprachlich habe ich viel gelernt, sondern auch persönlich.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. (Mary Poppins hätte für heute kein anderes Ende akzeptiert.)

Vom „Deutsch sein“ im Land der „Marshmallow-Reiskeks-Toffee-Schokoladen-Biscuits“

Ist das normal? Diese Frage stellte ich mir in den ersten Wochen meines Irland-Abenteuers nicht nur einmal. Ob es nun die Tatsache war, dass ich bei meinen ersten Expeditionen durch das hübsche Küstenstädtchen Greystones oder in anderen Orten in Irland öfter von Fremden angesprochen wurde, als in meinem ganzen bisherigen Leben in Deutschland?

Kurz einzuwerfen ist die Tatsache, dass ich in einem kleinen Dorf im Landkreis Marburg-Biedenkopf aufgewachsen bin, in dem es ungefähr folgendermaßen abläuft, wenn ich – als junge Frau – aus der Haustür trete: Menschen – vornehmlich ältere Herrschaften – drehen sich von allen Seiten um oder starren zielgerichtet aus dem Fenster, unterhalten sich aufgeregt und laut darüber, wer denn diese junge Frau sein könnte, die da gerade durch die Straßen schreitet. Ich komme näher und näher – ihre Köpfe fangen an zu qualmen, denn sie haben mich immer noch keiner Sippe zuordnen können. Es wird wild über „Dorfnamen“ spekuliert und diskutiert. Nur noch zwei Meter. Ich grüße freundlich (und nein – nicht weil ich auf den Zwanziger anstatt des Fünfers im Briefumschlag zu meiner Konfirmation hoffe – ich bin längst konfirmiert) und bekomme selbstverständlich auch ein nettes „Hallo“ zurück. Ich gehe weiter. Ich spüre, wie die Blicke mich immer noch von hinten durchlöchern. Und schlussendlich höre ich noch in der Ferne „Die von Schulze’s“. Abgesehen davon dass ich diese Tradition mit den Dorfnamen nie verstanden habe – wer hätte gedacht, dass ich auch einen richtigen Namen habe. (Wenn ihr mich das nächste Mal durch das schöne Halsdorf wandern seht, werdet ihr nicht mehr so lange überlegen müssen: Einen Lebenslauf mit Passfoto und meinem richtigen Namen, erhaltet ihr bei Blickkontakt der länger als eine Minute währt).

Diese kleine Geschichte ist natürlich respektvoll gemeint und soll nur den Unterschied zur irischen Version verdeutlichen – schließlich bin ich ja nur die deutsche Art gewöhnt, an anderen Menschen interessiert zu sein: nämlich stillschweigend und reserviert.

In Irland läuft das eher folgendermaßen ab: Eine junge Frau (ich) tritt aus der Haustür eines hübschen Hauses am Rande der Kleinstadt Greystones – auf dem Weg zur nächsten größeren Ortschaft Dun Laoghaire um sich dort auf einen Kaffee mit einer neuen Au-Pair-Freundin zu treffen. Ich lief also durch die Straßen, runter zur Hauptstraße und mein Interesse galt hauptsächlich dem Verkehr, der dort üblicherweise auf der „falschen“ Straßenseite unterwegs ist. Das erste Reifenquietschen vernahm ich nach dem fünften Haus, das ich passierte. Nachdem ich voller Erleichterung festgestellt hatte, dass ich noch lebte, sah ich, dass neben mir das Auto der Nachbarin zum Stehen gekommen war. Sie kurbelte die Scheibe herunter und fragte strahlend und voller Begeisterung wer ich denn sei, da sie mich nun schon zum zweiten Mal die Straße hinunterlaufen sah. Ich war völlig geschockt – wollte sie nicht erst einmal eine Weile über meine Identität spekulieren? Ich stellte mich freundlich vor und sie bot mir direkt einen lift (Mitfahrgelegenheit) zum Bahnhof an, den ich eigentlich auch zu Fuß erreichen könnte. Ich wollte ihr freundliches Angebot aber nicht ablehnen und nachdem wir den Bahnhof erreicht und wir uns noch ein wenig unterhalten hatten, lud sie mich auf eine Tasse Tee für das kommende Wochenende ein. Wow. Wie freundlich, oder? Eine Fremde hatte tatsächlich mit mir gesprochen.

„Mein rechter, rechter Platz ist frei“

Den nächsten Kontakt mit der typisch irischen Freundlichkeit machte ich im Zug. Die meisten Sitzplätze waren frei, sodass ich mir einfach den Platz neben dem Eingang aussuchte. Während der „richtige“ Sitzplatz in Deutschland derjenige zu sein scheint, der sich am weitesten von unseren Mitmenschen entfernt befindet (Menschen hetzen durch kilometerlange Züge um das letzte KOMPLETT freie Sitzabteil zu ergattern!), ist es in Irland eher so, dass man sich gerne zu anderen Menschen dazusetzt – schließlich hat man sonst gar niemanden zum Reden, wie mich der nette Herr ganz verwundert aufklärte, welcher sich sofort zu mir setzte. Eine weitere Dame gesellte sich zu uns und so gestaltete sich meine Zugfahrt nach Dun Laoghaire als sehr unterhaltsam und wirklich abwechslungsreich.

Endlich angekommen in einem kleinen Cafè direkt am Meer wusste ich gleich, dass meine neu gewonnene Au Pair-Freundin und ich auch kulinarisch noch einiges dazulernen würden: Wer hätte gedacht, dass ich auf einer Speisekarte jemals „Marshmallow-Reis-Toffee-Schokoladen-Biscuits“ finden würde?

Und ja – DAS ist völlig normal (aber zur Küche Irlands komme ich das nächste Mal).

Wie ich Mary Poppins, Albert Einstein und den kleinen Prinzen traf

Terminal 2, Frankfurter Flughafen – seither einer meiner absoluten Lieblingsorte auf der ganzen Welt. Dort stand ich nun – am Rande meines Abenteuers. Mein Traum vom Ausland war zum Greifen nah. In einer Hand hielt ich die Schatzkarte zum Glück, in der anderen meine sorgfältig gefaltete Regenjacke. Ok, zugegeben, die genannte Schatzkarte bezeichnen andere eventuell als Bordkarte – naja Karte ist Karte. Der Abschied von meiner Familie und Freunden fiel mir in der Tat nicht leicht und ich kann mich noch ziemlich genau an die Bauchschmerzen erinnern, die ich bekam als ich die Sicherheitskontrolle passierte, weil ich viel zu verkrampft den Tränensturm bekämpfte, der aus mir hervorzubrechen drohte. Tatsächlich, ich habe es sogar geschafft.

Ich war irgendwie nicht darauf vorbereitet, aber bereits im Flugzeug begann mein irisches Abenteuer. Die Stewards (ja, männlich) waren Iren! Ich muss sagen, ich fand es doch sehr amüsant, dass diese direkt das erste Klischee erfüllten: rote Haare. Wie schön Sicherheitseinweisungen doch sein können, wenn zwei zwergenähnliche Gestalten (ok, das war wohl etwas übertrieben) mit ihrem wunderbaren Akzent darum bitten: „Please fasten your seatbelt. The airplane is ready for take-off.“ („Bitte ziehen Sie Ihren Sicherheitsgurt fest. Das Flugzeug ist zum Start bereit.“) Unterhaltsam waren auch die irischen Geschäftsmänner, die ein paar Reihen vor mir Wetten auf Pferderennen abschlossen oder die zwei irischen Frauen, die sich über Kindererziehung unterhielten. Sie erwähnten dabei die Vornamen ihrer Kinder – in meinem ganzen Leben hatte ich noch nie solch kreative und wohl traditionelle Namen gehört. Ein Mann weiter hinten im Flugzeug sang ein Lied, dass er auf seinem Ipod, Ipad, Iphone oder einem ähnlichen portablen ‚I` laut abspielte – er sang auch die Instrumente mit.

Also, zu diesem Zeitpunkt – soweit man nur sechs Menschen schon statistisch erschließen kann – wusste ich schon folgendes über die Sorte Mensch, mit der ich die nächsten 10 Monate meines Lebens verbringen würde: rothaarige, eher kleinere, kinderliebende, pferdesportbegeisterte Zeitgenossen mit komischen Namen und einem Hang zu Musik und schrägem Humor. Klingt doch nach einer erlebnisreichen und unterhaltsamen Zeit, oder?

„Welcome to Ireland, Annika“

Als ich aus dem Flugzeug trat, überkam mich dann plötzlich Panik. In nur wenigen Minuten würde ich meine Gastfamilie treffen – die Menschen, mit denen ich in den nächsten Monaten so viel Zeit verbringen würde. Gastvater, Gastmutter und zwei kleine Kinder von 5 und 3 Jahren und ein Baby von 9 Monaten erwarteten mich. Ich folgte der Masse zur Gepäckausgabe. Mein Gepäck kommt in der Regel als letztes. Ein Glück, dann habe ich ja noch ein paar Minuten um mich ein wenig zu beruhigen, dachte ich mir. Das Gepäckband begann seine stetigen Runden zu drehen und ich verfolgte die Kreise mit meinen Augen. Eventuell hatte es ja eine hypnotische Wirkung auf mich, wer weiß. Das erste Gepäckstück platschte mehr oder weniger auf mein neu entwickeltes „Beruhigungsmittel“ – natürlich waren es meine beiden Koffer, die an diesem Tag zuerst den Weg ins Freie fanden. Trotzdem war ich eine der letzten Personen, die ihr Gepäck vom Band nahmen. Schließlich dreht sich das Ding ja nicht umsonst im Kreis – mein Gepäck würde schon nicht wieder in dem schwarzen Loch verschwinden, aus dem es gekommen war. Als ich dann aber feststellte, dass ich wohl etwas seltsam drein schaute, wie ich da so neurotisch mein Gepäck mit den Augen verfolgte, entschloss ich mich dazu – endlich – nach draußen zu gehen.

Natürlich war jegliche Aufregung völlig umsonst gewesen. Dort, wo viele Menschen von ihren Angehörigen mit einem Schild wie „Willkommen zu Hause“ oder aber von seltsam gekleideten Männern mit Schildern wie „Mr. Sukuromotolingutotoblablabla“ freundlich empfangen wurden, standen auch zwei kleine Kinder mit einem Schild für mich, … NUR für mich: „Welcome to Ireland, Annika“. Wie aufregend.

Endlich lernte ich drei kleine Engel kennen: „Mary Poppins“, „Albert Einstein“, und „Der kleine Prinz“ mitsamt ihrer Eltern lächelten mir voller Vorfreude entgegen und in dieser Sekunde wusste ich, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war – dort neben der Abfalltonne von McDonalds am Dubliner Flughafen in IRLAND.