Neuzeitabenteurer (Teil 3)

„Ups, tut mir Leid“, stammelte ich und hoffte inständig, dass ich nicht über den Fuß einer ägyptischen Gottheit gestolpert war. Schließlich wollte ich mir nicht den „Fluch der Pharaonen“ einfangen – eine in Ägypten anerkannte unheilbare Volkskrankheit. Scherz. Nein, der Stein über den ich gestolpert war gehörte zum Boden des riesigen Tempels der Göttin Isis auf der kleinen Insel Agilkia in der Nähe von Assuan – meinem Lieblingstempel. In den letzten Tagen hatten wir täglich die Bekanntschaft mit den prunkvollen Residenzen der ägyptischen Götter und Pharaonen gemacht. Ein Tempel schöner als der andere – einer bestückt mit besser erhaltenen Säulen, Statuen und Bemalungen als der andere. Allesamt unbewohnt, jedoch umgeben und belebt von Mythen, Sagen und Geschichte.

Gebannt lauschten wir unserem Reiseleiter, einem Ägypter der Deutsch und Ägyptologie studiert hatte, als er die Legende um Isis und Osiris erzählte. Die Sonne brannte und wir suchten uns ein Plätzchen im Schatten der riesigen Steinsäulen. Um unseren Reiseleiter anonym umzubenennen braucht es keine Fantasie, denn er sah aus wie Bob Marley und er trug stets die passende gestrickte Mütze mit angenähten Rastazöpfen. Vielleicht ist dies einfach das ägyptische Erkennungszeichen; ein Äquivalent zu den regenschirm-schwingenden asiatischen Reiseleitern?! Wer weiß. „Isis galt als Universalgöttin aber wurde hauptsächlich als Göttin der Geburt verehrt. Sie war die Gattin und die Schwester von Osiris, den meisten bekannt als der Gott der Unterwelt… vielleicht haben Sie schon einmal etwas gehört von der berühmten Legende um Isis und Osiris?“ Und so erzählte Bob Marley den berühmten Mythos, darüber wie der eifersüchtige Gott Seth seinen Bruder Osiris ertränkte und zerstückelte und Isis ihren Gatten nach langer Suche aufspürte und seine Teile wieder zusammenfügte – einzig und allein durch Klagelieder und Gebete.

Die ein oder andere Frau ließ am Ende dieser Geschichte einen Seufzer verlauten. Man muss schon zugeben, abgesehen davon, dass die Legende auf Inzest und Mord basiert, ist sie doch ziemlich romantisch und Bob Marley hatte ein beeindruckendes Talent Geschichte so zu vermitteln, dass das Erzählte interessant, informierend und gleichzeitig unterhaltsam war. (Unglücklicherweise verfügen sehr wenige Reiseleiter über ein solches Talent.) Jedenfalls, als wir dort standen und Tempel Nummer 4 bewunderten und die Luft herrlich nach Basilikum und Wildblumen duftete, realisierte ich, dass bisher jeder Tempel und jedes Bauwerk eine andere Emotion hervorgerufen hatte. Schließlich hatte ich gerade – nach dieser herzzerreißend erzählten Geschichte – die Insel Agilkia und den Isis Tempel auf die „Orte-an-denen-ich-unter-Umständen-zu-einem-Heiraitsantrag-JA-sagen-würde-Liste“ ergänzt mit der Anmerkung: Bob Marley einladen.

Gefühle lagen in der Luft, deshalb hier eine Liste mit Dingen die man in einem ägyptischen Tempel fühlt. Man fühlt sich …

1. … wie ein Abenteurer

Indiana Jones wäre neidisch geworden. Zusammen entzifferten wir die Hieroglyphen an den Tempelwänden in Luxor. Wir entdeckten den ersten Kalender und lernten auch dass die modernen medizinischen Geräte und Heilkünste ihren Ursprung in Ägypten haben. Weltberühmte Abenteurer hatten sich in den Felswänden einiger Tempel durch ihren Namen und die Jahreszahl verewigt: „Wir waren hier“. Ich überlegte ob ich meinen Namen eingravieren sollte, doch wollte ich nicht in einem ägyptischen Gefängnis landen. In neuzeitlicher Manier hätte ich meinen Standort auf Facebook posten sollen: „A. L., 2015 #Ichwarhier #Neuzeitabenteurer“

2. … wie ein Idiot

Es gibt mehrere Sorten Tourist. Eine davon bereitet sich akribisch auf den bevorstehenden Urlaub vor, inklusive historischen Fakten mit Jahreszahl, Namen in sämtlichen Schreibweisen und Sprachen und einem 30-seitigen imaginären Fragenkatalog an den Reiseleiter. Ich gehöre nicht zu dieser Sorte Tourist.

3. … wie ein Star

Normalerweise besichtigt man eine historische Stätte wohl nicht wegen der Touristen, sondern eher wegen seiner geschichtlichen Bedeutung. Nicht aber die Kinder und Jugendlichen der ägyptischen Schulen, die in großen Gruppen durch die Tempelanlagen spazierten. Während unser einer die Bemalungen an den Wänden begutachtet, tuscheln die ägyptischen Teenies aufgeregt über die „Weißen“ (… wobei, so weiß war ich durch die Sonne gar nicht mehr). Alsbald sich einer der Gruppe traute und fragte (mit Händen und Füßen) ob er ein Selfie mit mir machen dürfe und ich in meinem Erstauen auch noch bejahte, fand ich mich plötzlich inmitten einer halben Schlägerei der Schulgruppe im Streit wer zuerst ein Foto mit mir machen dürfe. Tipp: Niemals Ja zu Selfies sagen.

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Aladin ohne Wunderlampe (Teil 2)

„Die Notausgänge befinden sich rechts und links und vorne und hinten, oben und unten und hier und da und überall!“ (Aladin)

An dieses Zitat sollte man denken, wenn man über einen ägyptischen Basar läuft oder vorbei an Ständen und Märkten, unmittelbar vor oder nach dem Besuch einer der Sehenswürdigkeiten am Nil, auf dem Weg in den Bus, auf dem Weg zurück zum Bus, an Raststätten mitten in der Wüste, auf dem Weg zum Essen, … auf dem Weg zur Toilette. (Das war übertrieben). Tendenziell möchten einem die Menschen in Ägypten nämlich immer gerne etwas mitgeben. Selbstverständlich gegen Geld. So muss man sich daran gewöhnen, galant an Plastiksphinx-verkaufenden Straßenhändlern vorbei zu schreiten oder unter Gewürz-und-Tee-Vertreibern hindurch zu tauchen. „Nur 35 €. Ägyptische Qualität“, rief mir einer der Verkäufer zu, als ich einen Sonnenhut nur eine Millisekunde zu lange angeschaut hatte. „35 €?“, wiederholte ich fragend, während ich auf das ‚Made in China‘-Schildchen deutete. „Echte ägyptische Qualität“, sagte der Verkäufer erneut. Aha, wer hätte gedacht dass Ägypten in China liegt. Den Sonnenhut nahm ich für 5 € mit. 1 € legte ich drauf für das Kind des Händlers, dass er doch unbedingt in die Schule schicken müsste. Ich habe ja ein gutes Herz. Als er mir hinterher rief, dass ein einziger Euro für seine – plötzlich – drei kleinen Kinder zu wenig seien und unser Reiseleiter auf der Weiterfahrt im Bus erklärte, dass die Schulen in Ägypten nichts kosten, war das mit dem „guten Herz haben“ dann auch (fast) zu Ende. Ab dann konnte man nur noch eins machen: Den Verkaufssinn der ägyptischen Straßenverkäufer belächeln.

„Es ist wirklich eine andere Welt“, dachte ich mir, als ich vom Deck unseres Schiffs die vorbeiziehenden Dörfer und Städte bestaunte, die sich abwechselnd in Landschaften aus Zuckerrohr, Schilf und Palmenwälder verwandelten. Freilaufende Esel, Pferde, Kühe und Hunde wuselten durch die Dörfer. Am Ufer sah man Frauen die ihre Wäsche im Nilwasser wuschen, während Männer in Kanus Zuckerrohr und Schilf von der einen Seite des Nils zur anderen transportierten. Unser Kreuzfahrtschiff ankerte in mehreren Städten, sodass wir zusammen mit unserem Reiseleiter verschiedenste historische Stätten besichtigen, Ausflüge unternehmen oder – natürlich – Basare besuchen konnten. Ab und an wurden selbst die Fahrten von der einen zur nächsten Sehenswürdigkeit zu einer optimalen Möglichkeit um Souvenirs zu erwerben. Eine artistische Meisterleistung und ein zirkusreifes Programm bekam man manchmal auch geboten. Kleine Ruderbote umkreisten unser Schiff bei Ein- und Ausfahrt in den Hafen und wenn man nicht aufpasste, bekam man auch mal ein mit einer Pyramide bedrucktes Handtuch ab, welches die Verkäufer von ihren kleinen Kanus nach oben auf das Deck schmissen. Selbstverständlich wollte fast niemand eines dieser Handtücher behalten und deshalb wurden sie wieder in Richtung der Verkäufer zurück befördert. Einige hatten jedoch einen geübteren Wurfarm als andere, sodass die Seehändler ihre Ware teilweise nur retten konnten indem sie die spektakulärsten Verrenkungen vollbrachten. Es wäre eine Einfachheit gewesen die Handtücher zu behalten ohne sie zu bezahlen – aber wir wollten ja nicht zu Seeräubern werden.

„Hier werden sie nicht belästigt“ stand auf einem Schild vor einem (!) Souvenirshop in fünf verschiedenen Sprachen, womit der Verkäufer klarstellte, dass er nicht ganz so „enthusiastisch“ seine Waren an den Mann bringt wie seine Kollegen. Während sich ein Großteil unserer Reisegruppe also frohlockend in seinen Laden begab um dann doch noch ein kleines Andenken mit nach Hause zu bringen, stand den anderen Straßenverkäufern für nur einen kurzen Moment ein dickes Fragezeichen auf die Stirn geschrieben. Allerdings machten sie genauso weiter wie zuvor als die nächste Reisegruppe ankam: „Skarabäus-Käfer, nur 10 €. Echte ägyptische Qualität“.

Trotzdem muss ich sagen, dass man in der Tat auch schöne Dinge zwischen dem typischen ‚Made in China‘-Ramsch finden kann. Auch der Besuch der „seriösen Einkaufsmöglichkeiten“ (Zitat des Reiseleiters) lohnte sich – so konnte man hier reine Essenzen kaufen, z. B. die Grundessenzen für alle gängigen Parfüms. Es gab die Möglichkeit zum Kauf von Kunstwerken auf echtem Papyrus oder Gewürzen wie Safran. „Leben uns leben lassen“, wiederholte unser Reiseleiter immer wieder. Wenn einem etwas gefällt darf man es kaufen, wenn nicht dann eben nicht. Schließlich leben die meisten Städte und Dörfer am Nil ausschließlich vom Tourismus.

Das Wichtigste lernte ich allerdings erst zum Schluss. Verkäufer und Händler sollte man immer – und wirklich immer – nach ihrem Namen fragen. Das mag zwar erst einmal komisch klingen, aber wann hat man schon die Möglichkeit einem Mann namens Aladin die Hand zu schütteln? Aladin war der Besitzer eines mobilen Schmuckgeschäftes und schenkte uns Armbänder im Gegenzug für ein wenig Mundpropaganda für sein Geschäft. Ich schaute mich nach seiner Wunderlampe um, konnte aber keine entdecken. Er konnte sich von seinem Dschinni aber nur eines gewünscht haben: Eine richtig gute Marketing Strategie.

Tutte le direzioni oder Susi & Strolch’s Abenteuer (Teil 6)

Es gab einen Tag während meiner Zeit in Italien an dem ich – ja es ist wahr – entsetzlich enttäuscht war. Nach einem erfolgreichen und selbstbewussten Fahrkartenkauf auf Italienisch („Un biglietto per Verona, per favore!“ – wie schön das klingt) und einer unterhaltsamen Zugfahrt von Desenzano nach Verona stand ich dort am Bahngleis und fragte mich wie immer zuerst eins: Verdammt, wo geht’s jetzt eigentlich lang?

Dazu eine kleine Anmerkung: Ich habe leider keinen Orientierungssinn! Und wenn ich doch einen besitze, dann reicht er allerhöchstens vom Wohnzimmer ins Badezimmer. Genau heute vor 2 Jahren lernte ich also Marburg auf eine ganz andere Art und Weise kennen – durch die OE (Orientierungseinheit) für alle neuen Studenten. Ich lernte, dass es in Marburg Trinkwasserbrunnen gibt und durchlief Gassen und Gänge der Oberstadt von denen ich gar nicht wusste, dass sie existierten. Ich besuchte mindestens 3 Kneipen in denen ich noch nie zuvor war. Und das als Marburgerin. Eine Schande. Zurück nach Verona.

Mittlerweile war auch meine Reisebegleiterin für den Tag angekommen. Eine Amerikanerin, die auf großer Europareise war und ebenfalls einen Aufenthalt in Italien einplante. Wir beschlossen einfach mal dem Strom zu folgen. Und genau das ist es, was uns an diesem Tag enttäuschte. Wir folgten den Touristenströmen zur Arena von Verona – hier dachten wir uns nur „mamma mia“ als wir die Eintrittspreise sahen aber reihten uns in die Schlange ein. Schließlich kletterten wir im allgemeinen Gedrängel die Stufen der Arena hinauf um die wunderschöne Aussicht zu genießen die hinter vier riesigen Kränen und dem Baulärm sicher recht lohnenswert gewesen wäre. Weiter ging es vom Torre dei Lamberti zur San Zeno Maggiore und über den Piazza Erbe zur Kathedrale und wiederum weiter zu anderen Sehenswürdigkeiten, die nur nach Bezahlung ungeheurer Geldsummen zugänglich waren. So hetzten wir schwitzend von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, ob sehenswert oder nicht und füllten regelmäßig unsere Wasserflaschen an den urigen Trinkwasserbrunnen auf die überall in der Stadt zu finden waren und von denen ich so begeistert war, denn solche gibt es ja NICHT in Marburg, wie ich immer wieder betonte. Und dann passierte es: Ich sah DAS Schild. Zum Casa di Giulietta. Julia’s Haus. (Genau, Shakespeare’s Julia). Es grenzt schon an Naivität hier einen wunderschönen, nostalgischen kleinen Innenhof zu erwarten, der von diesem kleinen und berühmten Balkon überblickt wird. Wildblumen, die sich ihren Weg durch das alte Gemäuer bahnen. Ruhe und Melancholie. Das erste was ich aber beim Betreten dieses kleinen „Paradises“ (ab)bekam, war der Ellbogen eines Mannes, der gerade im richtigen Winkel ein Foto von seiner Liebsten machen wollte. Etwas naiv wie ich bin und gelegentlich noch blickend durch den Disney-Tunnelblick, erbot sich mir ein Bild des Grauens. Souvenirshop an Souvenirshop, romantisch dreinblickende Damen die vor Julia’s Balkon posierten oder schelmisch-grinsende Männer, die Julia’s Statue „begrabschten“ (Es soll ja Glück bringen!). Die Wände übersäht mit kleinen Papierzetteln, Graffiti und vor allen Dingen Kaugummis. Nur fünf Minuten hielten wir es aus, von denen wir vier Minuten Kameras asiatischer Mitmenschen bedienen durften um von ihnen Fotos zu schießen. Arrivederci, Julia.

Enttäuscht gingen wir weiter. Wir lösten uns von den Touristen und bogen in eine Querstraße ein. Dann in die nächste. Dann in die nächste. Und so schnell hatten wir uns in den kleinen Seitengassen verirrt. Unsere Geldbeutel waren fast leer – doch hatten wir Hunger. Also beschlossen wir einfach weiterzugehen bis wir etwas Essbares finden konnten. Nur wenige Minuten später sahen wir ein kleines Schild welches zu einem Restaurant führen sollte. Wir betraten einen Hinterhof – ein plätschernder Brunnen, Efeu, bunte Blumen, kleine Holztische mit typisch rot-weiß karierten Tischdecken, gedeckt mit Weingläsern und Silberbesteck erwarteten uns. Ob Romeo und Julia hier ihr erstes Date hatten? Vielleicht. Es waren nur wenige andere Menschen da und wir suchten uns einen schönen Tisch neben dem Brunnen aus. Irgendwie heißen in Italien alle Giovanni, so auch der nette Herr der uns unsere Spaghetti Bolognese servierte. Wir verbrachten einen lustigen Abend mit italienischem Wein und Geigenmusik (und peinlichen Versuchen unser Italienisch zu perfektionieren). Wenn meine amerikanische Freundin ein amerikanischer Freund gewesen sei, hätte unser Abendessen auch die reale Version von Susi & Strolch sein können – ohne Flöhe allerdings. Wir lachten viel und hatten Spass – und das außerhalb der üblichen Touristenattraktionen, ganz unerwartet. Ganz auf Abwegen. Und das ist auch die Poente dieser Geschichte und das was ich aus Italien mitgenommen habe: Man kann seine eigenen Richtungen bestimmen und man sollte alle Wege ausprobieren. Auch die kleinen Seitenstraßen. Eben tutte le direzioni – ihr habt es erraten: Das sind meine Lieblingsworte auf Italienisch.

Und Walt Disney siegt über Shakespeare.

HAPPY END

Ciao! I would like to order gelato, per favore! (Teil 4)

Es war einmal an einem Samstagnachmittag in Venedig. Zwei abenteuerlustige junge Frauen stürzen sich ins Abenteuer Italien. Doch der Umsetzung der waghalsigsten Pläne kam – wie immer – etwas in die Quere: das Eiscafè. „Weißt du wie man Eis auf Italienisch bestellt?“, fragte mich meine neugewonnene amerikanische Au Pair-Freundin. „Ja, zum Glück habe ich das mittlerweile gelernt“, antwortete ich stolz und hielt nach dem Service in der Gelateria Ausschau. Mittlerweile hätte ich „Eis essen“ ohne Probleme auf einem sozialen Netzwerk unter Hobbys eintragen können – gleich neben „Pasta essen“ und „Kaffee trinken“. Anscheinend war ich schon innerhalb weniger Wochen zu einer Pseudo-Italienerin mutiert.

Dem italienischen Essen eilt definitiv der Ruf voraus. Pasta, Pizza, Eiscreme, frisches Obst, Weißbrot und Olivenöl. All das stand regelmäßig auf meiner Speisekarte. Ich war ja ganz froh dass andere Gemüsesorten den Rosenkohl und das Sauerkraut ersetzten (ok, ich tue gerade so als ob ich das ständig essen müsste) und als großer Fan von Pasta, liebte ich sämtliche Nudelgerichte, die mir in Italien vor die Nase gesetzt wurden. Und ich habe wieder viele Dinge über mich gelernt:

1) Ich bin ein Espressoholiker!

Es ist halb 11, abends. „Möchtest du noch einen Kaffee?“ Ich schätze es gibt einige die nun dankend verneinen würden, wenn sie daran denken, dass es ja bald ins Bett geht. Als Kaffeeliebhaberin und als Mensch der keine Probleme mit dem Einschlafen nach Kaffeekonsum hat, verbrachte ich viele Abende mit dem Kochen bzw. Trinken von Kaffee. Aber nicht irgendein nullachtfünfzehn Kaffee aus der stinknormalen Kaffeemaschine. Zubereitet in einer Moka (kleine, irgendwie altmodische Espressomaschine) schlürfte ich jeden Abend den stärksten Espresso der Welt, denn in Italien heißt es Kaffee = Espresso. Seither bin ich ein Espresso-Fan.

2) Ich bin ein Herbivore!

Ich weiß es macht keinen Sinn, aber in meinem nächsten Leben möchte ich ein Dinosaurier sein (oder ein Schmetterling). Allerdings, sollte ich als Dinosaurier wiedergeboren werden, dann ganz sicher als einer der Herbivoren. Jeder der mich kennt weiß, dass ich kein großer „Fleischfresser“ bin. Allerdings ist es in Italien relativ normal auch Pferde aufzuessen, deswegen würde ich mein einziges „negatives“ Erlebnis so beschreiben: Ich hätte fast ein Stückchen Pferd gegessen. (In meiner Kindheit habe ich ungefähr 300 Wendy-Hefte gelesen und genügend Reitstunden genommen um das zu begründen – und ja ich weiß, Tier ist Tier).

3) Ich liebe Pizza Margherita!

Während ich in Deutschland niemals eine Pizza Margherita bei einem Lieferservice bestellen würde (weil es einfach zu viele andere Pizzen gibt, die kreativer belegt sind), schwöre ich in Italien auf eine schlichte und einfache Pizza Margherita! Probieren lohnt sich! Der Käse dort ist irgendwie… käsiger.

4) Ich bin ein Gelatofetischist!

Ich habe es ja nun schon erwähnt und auch mein ganzes Reisetagebuch „Buongiorno, Gelatoland!“ benannt. Ja, ich bekenne mich dazu: Ich liebe Eiscreme. Aber mal ehrlich? Wer könnte schon an Eisdielen, die mit überlebensgroßen Plastik-Eiswaffeln vor der Türe werben und deren Eiscremesorten wunderschöne italienische Namen (eigentlich sind es ja normale Wörter) tragen, vorbeigehen ohne sich einmal richtig zu belohnen.

Apropos Eiscreme. Zurück nach Venedig. Gerade kam der italienische Eisverkäufer an unseren Tisch. Ganz selbstbewusst grüßte ich und bestellte zwei Eisbecher auf Italienisch. Jetzt kommt allerdings der Haken den so ein Grundsprachschatz mit sich bringt: Der Herr Italiener geht natürlich nach meiner Glanzparade einer Bestellung auch davon aus, dass ich den Rest verstehe. Er plappert also weiter fröhlich auf Italienisch und fragt noch etwas bezüglich meiner Bestellung. Mein ratloser Blick verrät ihm dann aber schließlich: Tourist! Also ein kleiner Tipp am Rande: Eine Mischung aus Englisch und Italienisch befriedigt den eigenen Lernerfolg aber lässt einen nicht wie ein Trottel dastehen: „Ciao! I would like to order gelato per favore!“

Ein Leibchen für Sherlock Holmes (Teil 3)

Das Familienleben gestaltete sich als sehr abwechslungsreich und harmonisch. In den ersten Tagen lernte ich nicht nur Zwilling A von Zwilling B (ab sofort „Plitsch“ und „Platsch“ genannt, aufgrund der unverwechselbaren Plitsch-und-Platsch-Geräusche wenn sie über den Fließenboden rasten bzw. krabbelten) zu unterscheiden, sondern auch meine Löffel-ins-Glas-und-dann-zum-Mund-Geschwindigkeit beim Füttern zu verdreifachen. Anfangs mag es nicht so aussehen als ob 7 Monate alte Babys Forderungen stellen können – doch wenn es um den nächsten Löffel Babybrei ging, machten Plitsch und Platsch klare Ansagen. Kurz vor meiner Ankunft hatten die Zwillinge herausgefunden, dass man Arme und Beine als Fortbewegungsmittel nutzen kann und so verbrachte ich viel Zeit damit, die kleinen Ausreißer einzufangen oder sie zu trösten wenn ein Arm mal nicht die gewünschte Bewegung ausgeführt hatte und die Nase auf den Boden „platschte“. Das Gute: Plitsch und Platsch waren zwei glückliche kleine Jungs, die ihr Leben noch nach einer simplen Routine verbrachten: Essen, schlafen, spielen (die Glücklichen!).

Doch Plitsch und Platsch waren nicht in einzigen, die meine ungeteilte Aufmerksamkeit wollten. Sherlock Holmes, 2,5 Jahre alt, italienisch-österreichischer Meisterdetektiv und Liebhaber von Lego und Büchern, wollte natürlich auch mit mir spielen. Wie das Synonym schon besagt, lernte ich ihn als anfangs zurückhaltenden aber extrem neugierigen kleinen Jungen kennen, der alles erforschte, was er in seiner Umgebung finden konnte. Und wie jeder Junge (ich sollte ja nicht aus der Übung kommen), baute er gerne Lego. Mit Sherlock zu reden war fantastisch, wenn es auch anfangs eine Herausforderung war – schließlich weigerte er sich die ersten zwei Tage mit mir auf Deutsch zu reden. Obwohl er alles verstand was ich ihm sagte und erzählte, konnte er es noch nicht so ganz verstehen, dass da nun zwei Personen im Haus waren, die Deutsch sprachen. So antwortete er mir anfangs ganz oft auf Italienisch. Noch viel überraschender war es für mich, dass ich die einzelnen Worte oder Phrasen die er häufig benutze selbst ganz schnell drauf hatte. Kommandos und Befehle scheinen in jedem Land mit demselben dazu passenden Kindergesichtsausdruck zu kommen. Und als Mr. Holmes dann merkte, dass es viel leichter war mit mir auf Deutsch zu reden, stellte er sogar Fragen zur Geschichte, wenn ich ihm Dr. Seuss‘ „Der Kater mit Hut“ vorlas – mit meiner sehr freien Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche. (“I know it is wet and the sun is not sunny, but we can have lots of good fun that is funny.” – ein tolles Kinderbuch!)

Wer hätte es gedacht, aber Italienisch war manchmal nicht die einzige Sprachbarriere. Sowieso schalteten wir recht viel um zwischen Deutsch, Englisch und Italienisch, was manchmal zu lustigen Verwirrungen führte. Ein Deutsch-Deutsch Wörterbuch wäre zwar überflüssig gewesen, aber ich stand schon einen Moment verdutzt da und musste überlegen, als ich ein neues „Leibchen“ für Sherlock holen sollte. Was zum Teufel war ein Leibchen? So kam es öfter vor, dass wir uns über deutsche Vokabeln austauschen. An diesem Tag versuchte ich mir dann auch mein hessisches „net“ und „gelle“ abzugewöhnen – nur für den Fall der Fälle, dass ich nicht verstanden werde.

Ich verbrachte also 46 wunderbare Tage mit Plitsch, Platsch und Sherlock Holmes. Wir plitschten und platschen also über den Fußboden oder wir flogen aus auf der Suche nach Abenteuern. Nebenbei lernte ich viele tolle Dinge und trank eine Unmenge an Kaffee mit meinen Gasteltern. Und wir aßen viel Pasta… oh, ich glaube das nächste Mal lest ihr hier was über die italienische Küche.