Neuzeitabenteurer (Teil 3)

„Ups, tut mir Leid“, stammelte ich und hoffte inständig, dass ich nicht über den Fuß einer ägyptischen Gottheit gestolpert war. Schließlich wollte ich mir nicht den „Fluch der Pharaonen“ einfangen – eine in Ägypten anerkannte unheilbare Volkskrankheit. Scherz. Nein, der Stein über den ich gestolpert war gehörte zum Boden des riesigen Tempels der Göttin Isis auf der kleinen Insel Agilkia in der Nähe von Assuan – meinem Lieblingstempel. In den letzten Tagen hatten wir täglich die Bekanntschaft mit den prunkvollen Residenzen der ägyptischen Götter und Pharaonen gemacht. Ein Tempel schöner als der andere – einer bestückt mit besser erhaltenen Säulen, Statuen und Bemalungen als der andere. Allesamt unbewohnt, jedoch umgeben und belebt von Mythen, Sagen und Geschichte.

Gebannt lauschten wir unserem Reiseleiter, einem Ägypter der Deutsch und Ägyptologie studiert hatte, als er die Legende um Isis und Osiris erzählte. Die Sonne brannte und wir suchten uns ein Plätzchen im Schatten der riesigen Steinsäulen. Um unseren Reiseleiter anonym umzubenennen braucht es keine Fantasie, denn er sah aus wie Bob Marley und er trug stets die passende gestrickte Mütze mit angenähten Rastazöpfen. Vielleicht ist dies einfach das ägyptische Erkennungszeichen; ein Äquivalent zu den regenschirm-schwingenden asiatischen Reiseleitern?! Wer weiß. „Isis galt als Universalgöttin aber wurde hauptsächlich als Göttin der Geburt verehrt. Sie war die Gattin und die Schwester von Osiris, den meisten bekannt als der Gott der Unterwelt… vielleicht haben Sie schon einmal etwas gehört von der berühmten Legende um Isis und Osiris?“ Und so erzählte Bob Marley den berühmten Mythos, darüber wie der eifersüchtige Gott Seth seinen Bruder Osiris ertränkte und zerstückelte und Isis ihren Gatten nach langer Suche aufspürte und seine Teile wieder zusammenfügte – einzig und allein durch Klagelieder und Gebete.

Die ein oder andere Frau ließ am Ende dieser Geschichte einen Seufzer verlauten. Man muss schon zugeben, abgesehen davon, dass die Legende auf Inzest und Mord basiert, ist sie doch ziemlich romantisch und Bob Marley hatte ein beeindruckendes Talent Geschichte so zu vermitteln, dass das Erzählte interessant, informierend und gleichzeitig unterhaltsam war. (Unglücklicherweise verfügen sehr wenige Reiseleiter über ein solches Talent.) Jedenfalls, als wir dort standen und Tempel Nummer 4 bewunderten und die Luft herrlich nach Basilikum und Wildblumen duftete, realisierte ich, dass bisher jeder Tempel und jedes Bauwerk eine andere Emotion hervorgerufen hatte. Schließlich hatte ich gerade – nach dieser herzzerreißend erzählten Geschichte – die Insel Agilkia und den Isis Tempel auf die „Orte-an-denen-ich-unter-Umständen-zu-einem-Heiraitsantrag-JA-sagen-würde-Liste“ ergänzt mit der Anmerkung: Bob Marley einladen.

Gefühle lagen in der Luft, deshalb hier eine Liste mit Dingen die man in einem ägyptischen Tempel fühlt. Man fühlt sich …

1. … wie ein Abenteurer

Indiana Jones wäre neidisch geworden. Zusammen entzifferten wir die Hieroglyphen an den Tempelwänden in Luxor. Wir entdeckten den ersten Kalender und lernten auch dass die modernen medizinischen Geräte und Heilkünste ihren Ursprung in Ägypten haben. Weltberühmte Abenteurer hatten sich in den Felswänden einiger Tempel durch ihren Namen und die Jahreszahl verewigt: „Wir waren hier“. Ich überlegte ob ich meinen Namen eingravieren sollte, doch wollte ich nicht in einem ägyptischen Gefängnis landen. In neuzeitlicher Manier hätte ich meinen Standort auf Facebook posten sollen: „A. L., 2015 #Ichwarhier #Neuzeitabenteurer“

2. … wie ein Idiot

Es gibt mehrere Sorten Tourist. Eine davon bereitet sich akribisch auf den bevorstehenden Urlaub vor, inklusive historischen Fakten mit Jahreszahl, Namen in sämtlichen Schreibweisen und Sprachen und einem 30-seitigen imaginären Fragenkatalog an den Reiseleiter. Ich gehöre nicht zu dieser Sorte Tourist.

3. … wie ein Star

Normalerweise besichtigt man eine historische Stätte wohl nicht wegen der Touristen, sondern eher wegen seiner geschichtlichen Bedeutung. Nicht aber die Kinder und Jugendlichen der ägyptischen Schulen, die in großen Gruppen durch die Tempelanlagen spazierten. Während unser einer die Bemalungen an den Wänden begutachtet, tuscheln die ägyptischen Teenies aufgeregt über die „Weißen“ (… wobei, so weiß war ich durch die Sonne gar nicht mehr). Alsbald sich einer der Gruppe traute und fragte (mit Händen und Füßen) ob er ein Selfie mit mir machen dürfe und ich in meinem Erstauen auch noch bejahte, fand ich mich plötzlich inmitten einer halben Schlägerei der Schulgruppe im Streit wer zuerst ein Foto mit mir machen dürfe. Tipp: Niemals Ja zu Selfies sagen.

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Aladin ohne Wunderlampe (Teil 2)

„Die Notausgänge befinden sich rechts und links und vorne und hinten, oben und unten und hier und da und überall!“ (Aladin)

An dieses Zitat sollte man denken, wenn man über einen ägyptischen Basar läuft oder vorbei an Ständen und Märkten, unmittelbar vor oder nach dem Besuch einer der Sehenswürdigkeiten am Nil, auf dem Weg in den Bus, auf dem Weg zurück zum Bus, an Raststätten mitten in der Wüste, auf dem Weg zum Essen, … auf dem Weg zur Toilette. (Das war übertrieben). Tendenziell möchten einem die Menschen in Ägypten nämlich immer gerne etwas mitgeben. Selbstverständlich gegen Geld. So muss man sich daran gewöhnen, galant an Plastiksphinx-verkaufenden Straßenhändlern vorbei zu schreiten oder unter Gewürz-und-Tee-Vertreibern hindurch zu tauchen. „Nur 35 €. Ägyptische Qualität“, rief mir einer der Verkäufer zu, als ich einen Sonnenhut nur eine Millisekunde zu lange angeschaut hatte. „35 €?“, wiederholte ich fragend, während ich auf das ‚Made in China‘-Schildchen deutete. „Echte ägyptische Qualität“, sagte der Verkäufer erneut. Aha, wer hätte gedacht dass Ägypten in China liegt. Den Sonnenhut nahm ich für 5 € mit. 1 € legte ich drauf für das Kind des Händlers, dass er doch unbedingt in die Schule schicken müsste. Ich habe ja ein gutes Herz. Als er mir hinterher rief, dass ein einziger Euro für seine – plötzlich – drei kleinen Kinder zu wenig seien und unser Reiseleiter auf der Weiterfahrt im Bus erklärte, dass die Schulen in Ägypten nichts kosten, war das mit dem „guten Herz haben“ dann auch (fast) zu Ende. Ab dann konnte man nur noch eins machen: Den Verkaufssinn der ägyptischen Straßenverkäufer belächeln.

„Es ist wirklich eine andere Welt“, dachte ich mir, als ich vom Deck unseres Schiffs die vorbeiziehenden Dörfer und Städte bestaunte, die sich abwechselnd in Landschaften aus Zuckerrohr, Schilf und Palmenwälder verwandelten. Freilaufende Esel, Pferde, Kühe und Hunde wuselten durch die Dörfer. Am Ufer sah man Frauen die ihre Wäsche im Nilwasser wuschen, während Männer in Kanus Zuckerrohr und Schilf von der einen Seite des Nils zur anderen transportierten. Unser Kreuzfahrtschiff ankerte in mehreren Städten, sodass wir zusammen mit unserem Reiseleiter verschiedenste historische Stätten besichtigen, Ausflüge unternehmen oder – natürlich – Basare besuchen konnten. Ab und an wurden selbst die Fahrten von der einen zur nächsten Sehenswürdigkeit zu einer optimalen Möglichkeit um Souvenirs zu erwerben. Eine artistische Meisterleistung und ein zirkusreifes Programm bekam man manchmal auch geboten. Kleine Ruderbote umkreisten unser Schiff bei Ein- und Ausfahrt in den Hafen und wenn man nicht aufpasste, bekam man auch mal ein mit einer Pyramide bedrucktes Handtuch ab, welches die Verkäufer von ihren kleinen Kanus nach oben auf das Deck schmissen. Selbstverständlich wollte fast niemand eines dieser Handtücher behalten und deshalb wurden sie wieder in Richtung der Verkäufer zurück befördert. Einige hatten jedoch einen geübteren Wurfarm als andere, sodass die Seehändler ihre Ware teilweise nur retten konnten indem sie die spektakulärsten Verrenkungen vollbrachten. Es wäre eine Einfachheit gewesen die Handtücher zu behalten ohne sie zu bezahlen – aber wir wollten ja nicht zu Seeräubern werden.

„Hier werden sie nicht belästigt“ stand auf einem Schild vor einem (!) Souvenirshop in fünf verschiedenen Sprachen, womit der Verkäufer klarstellte, dass er nicht ganz so „enthusiastisch“ seine Waren an den Mann bringt wie seine Kollegen. Während sich ein Großteil unserer Reisegruppe also frohlockend in seinen Laden begab um dann doch noch ein kleines Andenken mit nach Hause zu bringen, stand den anderen Straßenverkäufern für nur einen kurzen Moment ein dickes Fragezeichen auf die Stirn geschrieben. Allerdings machten sie genauso weiter wie zuvor als die nächste Reisegruppe ankam: „Skarabäus-Käfer, nur 10 €. Echte ägyptische Qualität“.

Trotzdem muss ich sagen, dass man in der Tat auch schöne Dinge zwischen dem typischen ‚Made in China‘-Ramsch finden kann. Auch der Besuch der „seriösen Einkaufsmöglichkeiten“ (Zitat des Reiseleiters) lohnte sich – so konnte man hier reine Essenzen kaufen, z. B. die Grundessenzen für alle gängigen Parfüms. Es gab die Möglichkeit zum Kauf von Kunstwerken auf echtem Papyrus oder Gewürzen wie Safran. „Leben uns leben lassen“, wiederholte unser Reiseleiter immer wieder. Wenn einem etwas gefällt darf man es kaufen, wenn nicht dann eben nicht. Schließlich leben die meisten Städte und Dörfer am Nil ausschließlich vom Tourismus.

Das Wichtigste lernte ich allerdings erst zum Schluss. Verkäufer und Händler sollte man immer – und wirklich immer – nach ihrem Namen fragen. Das mag zwar erst einmal komisch klingen, aber wann hat man schon die Möglichkeit einem Mann namens Aladin die Hand zu schütteln? Aladin war der Besitzer eines mobilen Schmuckgeschäftes und schenkte uns Armbänder im Gegenzug für ein wenig Mundpropaganda für sein Geschäft. Ich schaute mich nach seiner Wunderlampe um, konnte aber keine entdecken. Er konnte sich von seinem Dschinni aber nur eines gewünscht haben: Eine richtig gute Marketing Strategie.

Ein Leibchen für Sherlock Holmes (Teil 3)

Das Familienleben gestaltete sich als sehr abwechslungsreich und harmonisch. In den ersten Tagen lernte ich nicht nur Zwilling A von Zwilling B (ab sofort „Plitsch“ und „Platsch“ genannt, aufgrund der unverwechselbaren Plitsch-und-Platsch-Geräusche wenn sie über den Fließenboden rasten bzw. krabbelten) zu unterscheiden, sondern auch meine Löffel-ins-Glas-und-dann-zum-Mund-Geschwindigkeit beim Füttern zu verdreifachen. Anfangs mag es nicht so aussehen als ob 7 Monate alte Babys Forderungen stellen können – doch wenn es um den nächsten Löffel Babybrei ging, machten Plitsch und Platsch klare Ansagen. Kurz vor meiner Ankunft hatten die Zwillinge herausgefunden, dass man Arme und Beine als Fortbewegungsmittel nutzen kann und so verbrachte ich viel Zeit damit, die kleinen Ausreißer einzufangen oder sie zu trösten wenn ein Arm mal nicht die gewünschte Bewegung ausgeführt hatte und die Nase auf den Boden „platschte“. Das Gute: Plitsch und Platsch waren zwei glückliche kleine Jungs, die ihr Leben noch nach einer simplen Routine verbrachten: Essen, schlafen, spielen (die Glücklichen!).

Doch Plitsch und Platsch waren nicht in einzigen, die meine ungeteilte Aufmerksamkeit wollten. Sherlock Holmes, 2,5 Jahre alt, italienisch-österreichischer Meisterdetektiv und Liebhaber von Lego und Büchern, wollte natürlich auch mit mir spielen. Wie das Synonym schon besagt, lernte ich ihn als anfangs zurückhaltenden aber extrem neugierigen kleinen Jungen kennen, der alles erforschte, was er in seiner Umgebung finden konnte. Und wie jeder Junge (ich sollte ja nicht aus der Übung kommen), baute er gerne Lego. Mit Sherlock zu reden war fantastisch, wenn es auch anfangs eine Herausforderung war – schließlich weigerte er sich die ersten zwei Tage mit mir auf Deutsch zu reden. Obwohl er alles verstand was ich ihm sagte und erzählte, konnte er es noch nicht so ganz verstehen, dass da nun zwei Personen im Haus waren, die Deutsch sprachen. So antwortete er mir anfangs ganz oft auf Italienisch. Noch viel überraschender war es für mich, dass ich die einzelnen Worte oder Phrasen die er häufig benutze selbst ganz schnell drauf hatte. Kommandos und Befehle scheinen in jedem Land mit demselben dazu passenden Kindergesichtsausdruck zu kommen. Und als Mr. Holmes dann merkte, dass es viel leichter war mit mir auf Deutsch zu reden, stellte er sogar Fragen zur Geschichte, wenn ich ihm Dr. Seuss‘ „Der Kater mit Hut“ vorlas – mit meiner sehr freien Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche. (“I know it is wet and the sun is not sunny, but we can have lots of good fun that is funny.” – ein tolles Kinderbuch!)

Wer hätte es gedacht, aber Italienisch war manchmal nicht die einzige Sprachbarriere. Sowieso schalteten wir recht viel um zwischen Deutsch, Englisch und Italienisch, was manchmal zu lustigen Verwirrungen führte. Ein Deutsch-Deutsch Wörterbuch wäre zwar überflüssig gewesen, aber ich stand schon einen Moment verdutzt da und musste überlegen, als ich ein neues „Leibchen“ für Sherlock holen sollte. Was zum Teufel war ein Leibchen? So kam es öfter vor, dass wir uns über deutsche Vokabeln austauschen. An diesem Tag versuchte ich mir dann auch mein hessisches „net“ und „gelle“ abzugewöhnen – nur für den Fall der Fälle, dass ich nicht verstanden werde.

Ich verbrachte also 46 wunderbare Tage mit Plitsch, Platsch und Sherlock Holmes. Wir plitschten und platschen also über den Fußboden oder wir flogen aus auf der Suche nach Abenteuern. Nebenbei lernte ich viele tolle Dinge und trank eine Unmenge an Kaffee mit meinen Gasteltern. Und wir aßen viel Pasta… oh, ich glaube das nächste Mal lest ihr hier was über die italienische Küche.

Buongiorno, Gelatoland! (Teil 1)

Ja, hier bin ich wieder mit meinen Erzählungen aus der Ferne. Diesmal schreibe ich über 46 wunderbare und aufregende Tage im Heimatland der Gnocchi und Spaghetti und der Weinberge, des berühmtesten „politisch-aktiven“ Staubsaugervertreters der Welt und natürlich des Gelato (Eis Creme). Ein Land in dem der Andrea und der Gabriele männlich sind und man mit „Tschau“ (ok, eigentlich ciao) begrüßt wird, natürlich melodischer und schöner betont als im Deutschen. Das konnte ja nur fantastico werden.

Aber was macht sie in Italien fragt ihr euch? Und das auch noch 46 Tage lang? Vor Studienbeginn und nach meiner Rückkehr aus dem magischen Guinnessland lag noch soooo viel Zeit. Genug Zeit um noch einmal den Rucksack zu packen und aus Deutschland zu fliehen. Wieso Italien? Ein bisschen Schicksal und ein bisschen … mehr Schicksal. Auf einer Au Pair-Webseite registrierte ich mich für fünf verschiedene Länder doch aus Italien kam nun mal das schönste und netteste Angebot. Ein zweiter Grund könnte gewesen sein, dass eine meiner Lieblingsautorinnen namens Elizabeth Gilbert in ihrem wunderbaren Reisememoire Eat, Pray, Love über zwei Seiten mit Bravour die Beschaffenheit einer italienischen Pizza beschrieben hat UND dass sie dort eine Person getroffen hat, die Spaghetti mit Nachnamen heißt. Im Ernst, was wäre fantastischer als einen Menschen zu kennen, der Spaghetti mit Nachnamen heißt?

Wenn ihr über mein Leben als Au Pair mit einer italienisch-österreichischen Gastfamilie im wunderschönen Desenzano del Garda, Kulturunterschiede, italienisches Essen, Freunde finden, Jonglieren lernen, an Leuchttürmen spazieren gehen, Italienisch lernen, Deutsch lernen, Englisch lernen, Eis essen, campen, Berge besteigen, und vieles mehr lesen möchtet, bleibt einfach dran. Elizabeth Gilbert nahm am Ende viele Erinnerungen und ihr italienisches Lieblingswort mit nach Hause. Die wunderbaren Erinnerungen hab ich ganz sicher mitgenommen … aber ob ich auch solch ein italienisches Lieblingswort mitgebracht habe, erfahrt ihr bald!

Reisebericht: Willkommen im Hotel Transsilvanien

Die Liste mit meinen noch zu bereisenden Ländern ist lang. Island, Portugal, Indien, Argentinien und Brasilien stehen darauf, dicht gefolgt von Madagaskar, Norwegen und Thailand. Niemals hätte ich gedacht, dass es mich einmal nach Rumänien, oder vielmehr Transsilvanien, verschlägt. Doch wie das Schicksal es wollte, lernte ich in Irland zwei wunderbare ungarische Au Pairs, die in Rumänien leben kennen und so kam es dann, dass ich eben jene für fünf Tage in ihrer Heimat besuchte. Es ist die beste Art zu reisen und einen Eindruck von Land und Kultur zu bekommen, wenn man seinen Urlaub mit einheimischen „Landeskundeexperten“ verbringt. Ein kleines Abenteuer abseits des typischen All-Inclusive Pauschalurlaubs erwartete mich – all-inclusive waren allerdings jede Menge Gastfreundschaft, Tagesausflüge, Insiderwissen und Spass. 

Um ehrlich zu sein war ich vollkommen ahnungslos, was mich in diesem Land erwarten würde. Das Wetter sollte durchwachen sein, doch eher warm als kalt. Wohnen würde ich bei meiner Freundin in einer Kleinstadt namens Szentegyháza (Vlăhița), ein paar Stunden vom Flughafen entfernt am Rande der Karpaten. 

(Zwischenanmerkung: Der erste Name ist in Ungarisch, der zweite in Klammern in Rumänisch. Diese Region Rumäniens gehörte in der Vergangenheit zu Ungarn, deshalb spricht der Großteil der Menschen dort offiziell nicht auf Rumänisch, obwohl sie diese Sprache natürlich ebenfalls beherrschen.) 

Also was wusste ich noch über Transsilvanien? Ja, sicher. Es ist die Heimat des wohl berühmtesten Vampirs der Welt. Und nein, ich spreche nicht von Edward Cullen aus der Vampirsaga Twilight, sondern von Graf Dracula, dessen Schloss sich zwar nicht in unmittelbarer Reichweite befand aber doch nah genug um mich dazu zu bewegen ein paar Knoblauchzehen in die Seitentaschen meines Koffers zu stopfen. Sicher ist sicher. Klar, Rumänien ist natürlich ebenfalls Heimat der Zigeuner. Arbeitslosigkeit und eine schlecht laufende Wirtschaft werden ebenfalls mit Rumänien in Verbindung gebracht. 

Naja, also auf geht es ins Neuland. Die Flüge waren schnell gebucht und unheimlich günstig (aus deutscher Sicht). Von Frankfurt/Hahn flog ich zum „Transylvania Airport“, wo mich meine Freundin und deren Freunde abholten. Eine knapp zweistündige Autofahrt führte uns durch viele Städte und Dörfer und schon jetzt merkte ich, dass mich meine Reise nicht nur in ein anderes Land geführt hatte, sondern anscheinend auch in eine andere Zeit. Pferdewagen ersetzten teilweise Autos und es war selten, dass ein Traktor die Arbeit auf den vielen Feldern erleichtere, sondern diese vielmehr Mensch und Tier verrichten. Ich dachte an die gigantischen Traktoren, die durch unsere Straßen in Deutschland brausen – bald schneller als manches Auto und breiter als jeder LKW. Zigeunerfrauen liefen am Seitenstreifen der Straße, in ihren bunten Kostümen. Durch Berge und Täler erreichten wir dann die Stadt Szentegyháza (Vlăhița), die mehr oder weniger aus einem Dorf- und aus einem Stadtteil besteht. Angekommen in einem Hochhaus packte ich dann meinen Koffer aus und wir aßen etwas. Gestärkt konnte das Abenteuer nun weitergehen. 

Hier meine Top 5 – Erlebnisse, Feststellungen und Empfehlungen aus dem wunderschönen Rumänien:

1. Tagesausflug zum Bran Castle (Dracula‘s Schloss) in Törcsvár (Bran) in der Nähe von Brassó (Brașov): Ich würde sagen, dass dieser Tagesausflug den Tourist in mir zu neuem Leben erweckt hat. Was erwartet man von Dracula‘s Schloss? Ein dunkles, finsteres, gruseliges Gebäude mit dunklen und kalten Gängen – gespenstig und irgendwie verhext. Die Tatsache ist allerdings, dass man hier gut und gerne eine neue Folge der Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen drehen könnte, denn das Bran Castle ist derart romantisch und schön, dass man erwarten könnte dort ein Disney-Märchenpaar sogar noch nach ihrem …sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage … anzutreffen. Wunderschöne, kleine Gänge, verschnörkelte Verzierungen, ein Brunnen in der Mitte des Schlosshofes, … ein paar Räume wurden dann noch mit schwarzen Dracula-Möbeln ausgestattet, aber niemand konnte mir weiß machen, dass hier ein Vampir haust … höchstens nachts zur Untermiete bei Cinderella und ihrem Prinzen. Fazit: Ein wunderschönes Schloss und viele andere Touristen aber der Gruselfaktor bleibt aus. 

Auf dem Rückweg hielten wir an einer Burg in Kőhalom (Rupea), welche ebenfalls wunderschön ist, wir jedoch wegen Bauarbeiten nicht betreten konnten.

2. Kulinarische Entdeckungen: Während meines Aufenthaltes in Rumänien habe ich einmal mehr festgestellt, wie schlecht, chemisch und komisch-aussehend unser Gemüse in Deutschland (!) eigentlich ist. Äpfel ohne jegliche kleinen Makel, Tomaten und Zucchini die perfekter nicht aussehen oder geformt sein können – rundherum schichtenweise Chemie. In Rumänien wiederum findet man in den Geschäften Gemüse, in Körben und ohne sinnlose Plastikverpackung, die so natürlich aussehen und schmecken wie man es sich hier gar nicht mehr vorstellen kann. Ich hätte es selbst nicht gedacht. Mein Highlight war jedoch eine unglaublich leckere Süßspeise namens Kürtőskalács (siehe Foto). Nicht geschmeckt hat mir das Wasser, das direkt aus den Quellen im Dorf kommt. Es ist sehr eisenhaltig und gesund, allerdings ist es für Menschen, die es nicht gewohnt sind, zu stark. Auf einer Wanderung haben wir jedoch eine andere Quelle entdeckt, von der mir das Wasser wiederum sehr gut geschmeckt hat.

3. Ausflug in die Karpaten und Wanderung zu einem Berg namens Egyes-kő (Piatra Singuratică): Wer hätte gedacht, dass Rumänien landschaftlich gesehen so ein Augenschmaus ist. Ich hatte absolut keine Ahnung was mich landschaftlich erwartet, wusste nur, dass die Karpaten nicht weit entfernt sind zu denen wir an einem der Tage mit dem Bus fuhren. Das war vielleicht ein Anstieg. Kilometer um Kilometer wanderten wir bergauf, …bergauf, bergauf, bergauf. Ich wusste schon immer, dass ich nicht wirklich viel Ausdauer besitze, aber dieser Anstieg hat mich tatsächlich an meine aller letzten Grenzen gebracht. Es hat sich gelohnt. Der Ausblick war unbeschreiblich und glücklicherweise sind wir auch nicht von den dort einheimischen Braunbären gefressen worden. 

4. Ausflug nach Máréfalva (Satu Mare) zu den berühmten Szekler Toren (Székely Kapu): Ich hatte großes Glück eine private Führung durch das wunderschöne Dorf Máréfalva zu bekommen. Dort wurden mir die einzigarten und uralten Szekler Tore gezeigt und deren Geschichte erzählt. Außerdem erhielt ich noch eine lustige Führung durch ein traditionelles Haus und mir wurden die Haushaltsgegenstände der Vergangenheit gezeigt. Traditionsgemäß übergibt der Mann einer Frau zur Hochzeit ein Holzbrett mit Stiel (die Waschmaschine der Vergangenheit – eine romantische Vorstellung, oder?). Bin ich jetzt mit meinem Fremdenführer verlobt? 
Weiterhin wurden mir alte Berghöhlen gezeigt, in welche man hineingehen konnte und einen wunderschönen Blick auf das Dorf Máréfalva hatte. 

5. Fortbewegungsmittel: Wie kommt man in Rumänien an sein Ziel? Da wir nicht immer ein Auto zur Verfügung hatten, mussten wir den Bus nehmen. Auf den Bus und dessen Pünktlichkeit verlassen konnte man sich aber grundsätzlich nicht – also vergleichbar mit unserer Deutsche Bahn. Allerdings war ich doch beeindruckt, dass die Busse in Rumänien unsere deutschen „ausrangierten“ Busse waren, die in Deutschland vermutlich kein TÜV mehr bekommen hätten. Also ein klein wenig abenteuerlich und wacklig so eine Busfahrt in Rumänien. Ganz normal ist es ebenfalls, dass man per Anhalter mitfährt. Auch diese Erfahrung war ganz neu für mich, denn ich hätte meine Hand ins Feuer gelegt, dass niemand für uns anhält. Ein paar Minuten später saßen wir dann aber schon in einem kleineren LKW auf dem Weg zu einer weiteren Entdeckung.

Rumänien ist ein wirklich schönes Land und ich würde es jederzeit wieder bereisen, denn gerade landschaftlich hat es mich sehr beeindruckt. Ich bin meinen Freundinnen und allen die ich kennenlernen durfte unheimlich dankbar für ihre Gastfreundschaft, denn die wird definitiv unterschätzt.