Tutte le direzioni oder Susi & Strolch’s Abenteuer (Teil 6)

Es gab einen Tag während meiner Zeit in Italien an dem ich – ja es ist wahr – entsetzlich enttäuscht war. Nach einem erfolgreichen und selbstbewussten Fahrkartenkauf auf Italienisch („Un biglietto per Verona, per favore!“ – wie schön das klingt) und einer unterhaltsamen Zugfahrt von Desenzano nach Verona stand ich dort am Bahngleis und fragte mich wie immer zuerst eins: Verdammt, wo geht’s jetzt eigentlich lang?

Dazu eine kleine Anmerkung: Ich habe leider keinen Orientierungssinn! Und wenn ich doch einen besitze, dann reicht er allerhöchstens vom Wohnzimmer ins Badezimmer. Genau heute vor 2 Jahren lernte ich also Marburg auf eine ganz andere Art und Weise kennen – durch die OE (Orientierungseinheit) für alle neuen Studenten. Ich lernte, dass es in Marburg Trinkwasserbrunnen gibt und durchlief Gassen und Gänge der Oberstadt von denen ich gar nicht wusste, dass sie existierten. Ich besuchte mindestens 3 Kneipen in denen ich noch nie zuvor war. Und das als Marburgerin. Eine Schande. Zurück nach Verona.

Mittlerweile war auch meine Reisebegleiterin für den Tag angekommen. Eine Amerikanerin, die auf großer Europareise war und ebenfalls einen Aufenthalt in Italien einplante. Wir beschlossen einfach mal dem Strom zu folgen. Und genau das ist es, was uns an diesem Tag enttäuschte. Wir folgten den Touristenströmen zur Arena von Verona – hier dachten wir uns nur „mamma mia“ als wir die Eintrittspreise sahen aber reihten uns in die Schlange ein. Schließlich kletterten wir im allgemeinen Gedrängel die Stufen der Arena hinauf um die wunderschöne Aussicht zu genießen die hinter vier riesigen Kränen und dem Baulärm sicher recht lohnenswert gewesen wäre. Weiter ging es vom Torre dei Lamberti zur San Zeno Maggiore und über den Piazza Erbe zur Kathedrale und wiederum weiter zu anderen Sehenswürdigkeiten, die nur nach Bezahlung ungeheurer Geldsummen zugänglich waren. So hetzten wir schwitzend von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, ob sehenswert oder nicht und füllten regelmäßig unsere Wasserflaschen an den urigen Trinkwasserbrunnen auf die überall in der Stadt zu finden waren und von denen ich so begeistert war, denn solche gibt es ja NICHT in Marburg, wie ich immer wieder betonte. Und dann passierte es: Ich sah DAS Schild. Zum Casa di Giulietta. Julia’s Haus. (Genau, Shakespeare’s Julia). Es grenzt schon an Naivität hier einen wunderschönen, nostalgischen kleinen Innenhof zu erwarten, der von diesem kleinen und berühmten Balkon überblickt wird. Wildblumen, die sich ihren Weg durch das alte Gemäuer bahnen. Ruhe und Melancholie. Das erste was ich aber beim Betreten dieses kleinen „Paradises“ (ab)bekam, war der Ellbogen eines Mannes, der gerade im richtigen Winkel ein Foto von seiner Liebsten machen wollte. Etwas naiv wie ich bin und gelegentlich noch blickend durch den Disney-Tunnelblick, erbot sich mir ein Bild des Grauens. Souvenirshop an Souvenirshop, romantisch dreinblickende Damen die vor Julia’s Balkon posierten oder schelmisch-grinsende Männer, die Julia’s Statue „begrabschten“ (Es soll ja Glück bringen!). Die Wände übersäht mit kleinen Papierzetteln, Graffiti und vor allen Dingen Kaugummis. Nur fünf Minuten hielten wir es aus, von denen wir vier Minuten Kameras asiatischer Mitmenschen bedienen durften um von ihnen Fotos zu schießen. Arrivederci, Julia.

Enttäuscht gingen wir weiter. Wir lösten uns von den Touristen und bogen in eine Querstraße ein. Dann in die nächste. Dann in die nächste. Und so schnell hatten wir uns in den kleinen Seitengassen verirrt. Unsere Geldbeutel waren fast leer – doch hatten wir Hunger. Also beschlossen wir einfach weiterzugehen bis wir etwas Essbares finden konnten. Nur wenige Minuten später sahen wir ein kleines Schild welches zu einem Restaurant führen sollte. Wir betraten einen Hinterhof – ein plätschernder Brunnen, Efeu, bunte Blumen, kleine Holztische mit typisch rot-weiß karierten Tischdecken, gedeckt mit Weingläsern und Silberbesteck erwarteten uns. Ob Romeo und Julia hier ihr erstes Date hatten? Vielleicht. Es waren nur wenige andere Menschen da und wir suchten uns einen schönen Tisch neben dem Brunnen aus. Irgendwie heißen in Italien alle Giovanni, so auch der nette Herr der uns unsere Spaghetti Bolognese servierte. Wir verbrachten einen lustigen Abend mit italienischem Wein und Geigenmusik (und peinlichen Versuchen unser Italienisch zu perfektionieren). Wenn meine amerikanische Freundin ein amerikanischer Freund gewesen sei, hätte unser Abendessen auch die reale Version von Susi & Strolch sein können – ohne Flöhe allerdings. Wir lachten viel und hatten Spass – und das außerhalb der üblichen Touristenattraktionen, ganz unerwartet. Ganz auf Abwegen. Und das ist auch die Poente dieser Geschichte und das was ich aus Italien mitgenommen habe: Man kann seine eigenen Richtungen bestimmen und man sollte alle Wege ausprobieren. Auch die kleinen Seitenstraßen. Eben tutte le direzioni – ihr habt es erraten: Das sind meine Lieblingsworte auf Italienisch.

Und Walt Disney siegt über Shakespeare.

HAPPY END

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Ich mag [eigentlich] jeden! (Teil 5)

Dieses „eigentlich“ begrenzt das ganze leider, wenn es darum geht neue Freunde zu finden. Nach wem schaut man sich um wenn man nach neuen Freunden sucht – neuen Wegbegleitern für einen kurzen oder langen Zeitraum seines Lebens? Vielleicht nach Menschen, die ähnliche Interessen haben, die die gleichen Ansichten teilen und die einem eben irgendwie sympathisch sind. Und jetzt komme ich wieder mit meinen Disney-Filmen: Ich dachte immer, ich wäre so ein bisschen wie Pocahontas oder die weibliche Version von Tarzan – einfach offen für Neues und jedermann. Lianenschwingend von Land zu Land und interessiert an diesen neuen „Fremden“ – … egal wie sie aussehen, wo sie herkommen und welche Ansichten zum Leben sie haben. Grundsätzlich ist das auch richtig, doch was passiert wenn das Leben einen eines Abends auf einen kleinen italienischen Sportplatz führt, auf dem man Menschen trifft, die so anders aussehen und so anders sind, als die meisten Menschen, mit denen ich sonst meine Zeit verbringe.

Durch eine Freundin meiner Gastmutter lernte ich einige der Straßenkünstler aus den Straßen Desenzanos kennen. Fast alle waren von Armen bis Beinen tätowiert und hatten ungefähr 10 Piercings (pro Körperteil). Bekleidet waren die meisten mit weiten Hippi-Hosen und bunten Tops. Irgendwie „unnormal“ in meiner Welt. Oder? Sie jonglierten Bälle, Messer und Fackeln oder trainierten sonstige Straßenkunststücke. Als ich über den mit Flutlicht beleuchteten Sportplatz schaute, wurde mir klar, dass ich die einzige war, die hier irgendwie „unnormal“ aussah. Ich schaute an mir runter: Ich bereute dass ich mich am Morgen für das Sommerkleid und die geblümten Ballerinas entschieden hatte. Wieso hatte ich nicht die wasserlöslichen Spiderman-Tattoos mitgenommen, die ich von den Kindern meiner letzten Gastfamilie geschenkt bekommen hatte? Irgendwie war mein erster Gedanke: Oh man… hier passe ich irgendwie nicht rein. Doch nach wenigen Minuten bot mir einer der Jonglage-Künstler an, mir beizubringen wie man jongliert. Nach nur einer halben Stunde, war es dann alles normal. Ich lernte wunderbare Menschen, mit wunderbaren Ansichten zum Leben – nicht ganz so abgedroschen und langweilig wie ich sie kannte.

Ab diesem Tag verbrachte ich den ein oder anderen Tag in den Straßen Desenzanos und beobachtete Menschen, die andere Menschen zum Lachen brachten – und obwohl sie des öfteren mit spöttischen Blicken angestarrt wurden wegen ihres Aussehens und zu der Kategorie „Mensch“ zugeteilt wurden, von der man „lieber Abstand hält“ wusste ich, dass sie wunderbare Menschen waren.

Und nur durch diese Menschen konnte ich hinter eines der Erlebnisse auf meiner Italien-„To-Do-Liste“ endlich einen Haken machen: Auf einer Vespa durch die Straßen Italiens fahren. Danke.

Vielleicht hätte ich vorher noch einmal Pocahontas schauen sollen, dann hätte sie mich daran erinnert:

„Für dich sind echte Menschen nur die Menschen,
die so denken und so aussehen wie du.
Doch folge nur den Spuren eines Fremden,
dann verstehst du, und du lernst noch was dazu.“ (Das Farbenspiel des Winds)

Ich mag jeden. Und ich habe jonglieren gelernt.