Pfannkuchen am Nordpol

Deutschland mag ja ein weit entwickeltes Land sein. Wir haben ein klares System. Die wichtigsten Tage des Jahres sind fest in unserem Verstand und in unserem Kalender verankert – genau, ich spreche von Feiertagen. Tage, an denen man ohne jegliches schlechte Gewissen blau machen darf, da uns entweder wichtige geschichtliche Ereignisse oder religiöse Hintergründe ganz automatisch eine „Krankmeldung“ ausstellen. Meine Zeit in Irland hat mir aber ganz klar gezeigt, dass auf unserer Liste einer der wichtigsten, sinnvollsten und schönsten Tage fehlt. Wieso, um Himmels Willen, haben wir keinen „Pancake Tuesday“ (Pfannkuchen-Dienstag)? Natürlich, der kritische Deutsche möge jetzt argumentieren, dass wir auch mehrere Feiertage zelebrieren, an denen man sich rundum satt essen kann. Aber wie kann man denn bitte die rundum gesunde und pflanzliche ‚Grüne Sauce‘ vergleichen mit dem Genuss von dampfenden Pfannkuchen, übergossen mit heißer Schokoladensauce, bestäubt mit Zimt und Zucker oder Sahne …. oder, laut Albert Einstein nur möglich in einem Haus mit drei Kindern, mit ALLEM gleichzeitig. Ich weiß nicht, woher meine Begeisterung für diesen epischen Tag, der im Übrigen 40 Tage vor Ostern vor Beginn der Fastenzeit zelebriert wird, so plötzlich herkam – ob es daran lag, dass es das erste knoblauchfreie Rezept während meines ganzen bisherigen Aufenthaltes war und ich deshalb nahezu einen Schock – hervorgerufen durch Knoblauchentzug – erlitt?

1x Weihnachten, Bestell-Nr. 2412

Dies lässt mich zurückblicken auf eine weitere, unvergessliche und nicht allzu besinnliche irische Weihnachtszeit. Sie begann am 27. November. Albert Einstein, der sich ja schon sehr gut darin verstand den Kalender richtig zu deuten, begann an diesem Tag zielgerichtet den „Smiths“ Spielzeug-Katalog zu wälzen. Schließlich wollte er gut vorbereitet sein und schrieb seine Wünsche – nach Priorität geordnet – heraus. In Irland ist es üblich, dass die Kinder einen Brief an den Weihnachtsmann schreiben und ihn entweder per Luft- oder Rentierpost in Richtung Nordpol senden oder ihn persönlich übergeben. Der Weihnachtsmann kommt nämlich wenige Wochen vor Weihnachten in Einkaufszentren und Supermärkte und wartet dort auf Kinder, die ihm Wunschzettel überreichen möchten. Die Idee meiner Gastmutter, die Briefe per Post zu schicken, scheiterte, denn Albert Einstein hatte schon die Höhe der Portokosten im Internet recherchiert, sodass eine selbstgebastelte Briefmarke wohl nicht mehr in Frage kam. Also musste es ein persönlicher Besuch beim Weihnachtsmann sein, dem er folgenden Brief (originalgetreu übersetzt) in die Hände drückte:

„Lieber Weihnachtsmann, mein Name ist Albert Einstein. Ich war das ganze Jahr über lieb und nett, ganz besonders zu meinen Geschwistern, Mary Poppins und dem kleinen Prinzen. Weil ich es also verdient habe, hätte ich gerne folgende Geschenke: 1. Lego Polizeistation, Bestell-Nr. 7498 und 2. Lego Weltraumstation (die große), Bestell-Nr. 3172. Wenn du noch heute im Spielzeug-Katalog „Smiths“ bestellst, kommt die Lieferung ganz sicher noch bis Weihnachten an. Zumindest haben sie das in der Werbung gesagt. Bitte bring doch meiner kleinen Schwester das viel zu pinke Barbie Traumschloss, das sie sich so wünscht und meinem Bruder auch etwas Schönes. Beide können noch nicht schreiben. Albert Einstein“

Als der Brief bei Santa Claus abgegeben war, hieß es also warten, warten und nochmals warten. Eine Geduldsprobe für jedes Kind doch für mich wurde die Kindererziehung dadurch temporär erheblich leichter. Schließlich brauchte ich mir ab sofort keine Gedanken mehr darum zu machen, dass die Kleinen etwas anstellten. Sobald sie nur ein wenig aus der Reihe tanzten, nicht gehorchten, herumschrien oder ihr Gemüse nicht aufessen wollten, musste ich sie nur mit verheißungsvollem Blick ansehen und eine simple Frage stellen: „Was würde bloß Santa Claus zu eurem Benehmen sagen?“ – und schon saßen drei Engel am Tisch, die ihre Teller in Rekordgeschwindigkeit leerten. Mary Poppins wagte es einmal meine Theorie in Frage zu stellen, als sie sagte „Santa Claus ist alles in allem ein netter Mensch – der würde uns immer Geschenke bringen, egal ob wir mal ungezogen waren“. Mit der Antwort „Wer weiß, wer weiß“ war die Diskussion aber schon wieder beendet. Schließlich wollte auch Mary Poppins kein Risiko eingehen.

Selbstverständlich bin ich über die Weihnachtsfeiertage nach Deutschland geflogen und habe mit meiner eigenen Familie gefeiert. Das hielt mich aber nicht davon ab, Geschenke für „meine“ Kids unter den Weihnachtsbaum zu legen – und dem irischen Weihnachtsmann einen Brief zu schreiben:

„Lieber Weihnachtsmann, ich wünsche mir nur eins: Pfannkuchen!“

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In 80 Tagen um die Welt

Der Titel trifft nicht so ganz auf meine Reise zu, aber zumindest glaube ich zu wissen wie sich Phileas Fogg im Abenteuerroman „In 80 Tagen um die Welt“ gefühlt haben muss. Ich bin zwar nicht mit einem Dampfschiff durch den Suez-Kanal gefahren, doch war die Fahrt vom Osten zum Westen bis hin zum Norden Irlands in einem Kombi mit drei kleinen Kindern mindestens genauso spannend – auch wenn Phileas Fogg wohl durchaus die besseren Karten gezogen hatte, was die Wahrscheinlichkeit von Behinderungen des Verkehrsflusses durch Schafe und Kühe anging. Eine Woche vor meiner Ankunft in Irland teilte mir meine Gastmutter nämlich mit, dass wir in den ersten vier Wochen meines Abenteuers sehr viel reisen würden, da die Kinder Ferien hatten und dies die übliche Zeit war in den Urlaub zu fahren und die Großeltern zu besuchen. Deshalb möchte ich meinen heutigen Titel nun wie folgt abändern:

In 28 Tagen durch Irland

Wie aufregend. In meinen ersten Wochen durfte ich so viel von Irland sehen, wie man es sich nur wünschen konnte. Traumhaft schöne Küsten und Strände, wunderschöne Sonnenuntergänge, lange Spaziergänge durch die Natur und nur wenig Regen erwarteten mich in der Region „Kerry“ im Süden Irlands, wo wir die ersten 10 Tage unseres Langzeiturlaubs verbrachten. Die Familie hatte sich dort ein Ferienhaus gemietet, unweit vom Strand und von einem hübschen Dörfchen namens „Dingle“ entfernt. Die Tage im Süden verbinde ich heute am ehesten mit den typisch irischen Pubs und dem guten alten Guinness. Oh ja, es gibt kaum etwas, das mehr Spass macht, als ein Guinness, eine Gitarre, eine Flöte und ein kleiner bunter Raum, in dem sich die Gemeinschaft zusammenfindet und von ganzem Herzen feiert, lacht und singt. Gemeinschaft ist ein Wort, dass ich nach meinem Irland-Aufenthalt anders definiere: Freundlichkeit, Offenheit und Verständnis für JEDEN. Als ich nämlich zusammen mit meiner Gastmutter abends um die Häuser zog um das Nachtleben Irlands kennenzulernen, wurde ich herzlich begrüßt wie jeder andere und gehörte ganz automatisch mit dazu. Die Atmosphäre in einem Pub muss man selbst erleben, doch kann ich sagen, dass sich der „Irish Coffee“ (Irischer Kaffee mit Schuss) nicht mit diversen irischen Biersorten wie Guinness, Kilkenny oder Bulmers verträgt. Ja, ich habe ALL diese Getränke bei meinem ersten Pubbesuch ausprobiert und habe danach fröhlich Lieder mitgesungen, die ich eigentlich gar nicht kannte. Woher ich plötzlich die Texte konnte? Weiß ich nicht mehr.

Aber weiter geht die Reise in die wunderschöne Region „Donegal“: Berge, steile Klippen, feiner Sand und ein unglaublich kalter atlantischer Ozean erwarteten mich dort. Hier verbrachten wir die nächsten Wochen unseres Urlaubs bei der Großmutter der Kinder. In Donegal machte ich meine ersten Erfahrungen mit einem typisch irischen „Bed & Breakfast“, in dem ich aus Platzmangel im Haus der Großmutter in den nächsten Wochen wohnte. Altmodisch und knallbunt eingerichtet, Farben die ich nicht mal an Karneval kombinieren würde, wenn ich mich als Farbtopf verkleiden wollte – trotzdem auf eigenartige Weise aber gemütlich. In Donegal konnte ich nicht nur in die unterschiedlichsten dörflichen Akzente „reinhören“, sondern auch in die gälische Sprache, die dort oben noch gesprochen wird. Das winzige Dorf in dem wir wohnten bot nicht viele Attraktionen, es lag ziemlich abgeschieden vom Rest der Welt an einer Küste und Touristen fanden ihren Weg nur schwerlich bis dorthin. Es gab nur hin und wieder einen Höhepunkt. Einen Tag an dem die meisten Frauen aufgeregt durch das Dorf rannten und tuschelten und sich für den anstehenden „Abend der in die Geschichte eingehen würde“ aufbrezelten. Ja, ein Jungesellinnen-Abschied stand an. Ich hatte das „Glück“ an einem dieser besonderen Ereignisse anwesend zu sein. Das war der Tag auf den alle gewartet hatten, denn es gab nur eine Berühmtheit in diesem kleinen, scheinbar gar nicht unschuldigen Dörfchen: den Dorfstripper. Hätte er gut ausgesehen und nicht jedes einzelne Klischee erfüllt, wäre mir eine Nacht voller Alpträume über sich entkleidende Gartenzwerge in Nachbars Garten erspart geblieben. Aber man (frau) kann ja nicht alles haben.

An Tag 28 reisten wir zurück in die Region „Wicklow“, in der ich mich endlich richtig niederlassen, viele Freundschafen schließen konnte und all das Erlebte der letzten Wochen Revue passieren ließ. Gerade jetzt war ich im Grunde erst richtig angekommen in meinem neuen Zuhause in Greystones – nur eine dreiviertel Stunde von Irlands Hauptstadt entfernt – und hatte schon so viele Eindrücke gesammelt. Wicklow, dort wo Filme wie „Braveheart“ und „P.S. – Ich liebe dich“ gedreht wurden, spiegelte die wunderschöne Natur Irlands wieder und hier zu wohnen war für mich ein unglaubliches Erlebnis. Wer hat schon einen Strand vor der Haustür und eine Hauptstadt in unmittelbarer Entfernung? In Wicklow und Dublin lernte ich die meisten meiner Freunde kennen und für uns war es der Ausgangspunkt für alle weiteren Abenteuer.

Hätte ich – wie Phileas Fogg – eine Wette darauf abgeschlossen, dass ich von Irland so viel sehen würde wie er von der ganzen Welt, hätte ich also vermutlich gewonnen. Wo ist mein Geld?

Vom „Deutsch sein“ im Land der „Marshmallow-Reiskeks-Toffee-Schokoladen-Biscuits“

Ist das normal? Diese Frage stellte ich mir in den ersten Wochen meines Irland-Abenteuers nicht nur einmal. Ob es nun die Tatsache war, dass ich bei meinen ersten Expeditionen durch das hübsche Küstenstädtchen Greystones oder in anderen Orten in Irland öfter von Fremden angesprochen wurde, als in meinem ganzen bisherigen Leben in Deutschland?

Kurz einzuwerfen ist die Tatsache, dass ich in einem kleinen Dorf im Landkreis Marburg-Biedenkopf aufgewachsen bin, in dem es ungefähr folgendermaßen abläuft, wenn ich – als junge Frau – aus der Haustür trete: Menschen – vornehmlich ältere Herrschaften – drehen sich von allen Seiten um oder starren zielgerichtet aus dem Fenster, unterhalten sich aufgeregt und laut darüber, wer denn diese junge Frau sein könnte, die da gerade durch die Straßen schreitet. Ich komme näher und näher – ihre Köpfe fangen an zu qualmen, denn sie haben mich immer noch keiner Sippe zuordnen können. Es wird wild über „Dorfnamen“ spekuliert und diskutiert. Nur noch zwei Meter. Ich grüße freundlich (und nein – nicht weil ich auf den Zwanziger anstatt des Fünfers im Briefumschlag zu meiner Konfirmation hoffe – ich bin längst konfirmiert) und bekomme selbstverständlich auch ein nettes „Hallo“ zurück. Ich gehe weiter. Ich spüre, wie die Blicke mich immer noch von hinten durchlöchern. Und schlussendlich höre ich noch in der Ferne „Die von Schulze’s“. Abgesehen davon dass ich diese Tradition mit den Dorfnamen nie verstanden habe – wer hätte gedacht, dass ich auch einen richtigen Namen habe. (Wenn ihr mich das nächste Mal durch das schöne Halsdorf wandern seht, werdet ihr nicht mehr so lange überlegen müssen: Einen Lebenslauf mit Passfoto und meinem richtigen Namen, erhaltet ihr bei Blickkontakt der länger als eine Minute währt).

Diese kleine Geschichte ist natürlich respektvoll gemeint und soll nur den Unterschied zur irischen Version verdeutlichen – schließlich bin ich ja nur die deutsche Art gewöhnt, an anderen Menschen interessiert zu sein: nämlich stillschweigend und reserviert.

In Irland läuft das eher folgendermaßen ab: Eine junge Frau (ich) tritt aus der Haustür eines hübschen Hauses am Rande der Kleinstadt Greystones – auf dem Weg zur nächsten größeren Ortschaft Dun Laoghaire um sich dort auf einen Kaffee mit einer neuen Au-Pair-Freundin zu treffen. Ich lief also durch die Straßen, runter zur Hauptstraße und mein Interesse galt hauptsächlich dem Verkehr, der dort üblicherweise auf der „falschen“ Straßenseite unterwegs ist. Das erste Reifenquietschen vernahm ich nach dem fünften Haus, das ich passierte. Nachdem ich voller Erleichterung festgestellt hatte, dass ich noch lebte, sah ich, dass neben mir das Auto der Nachbarin zum Stehen gekommen war. Sie kurbelte die Scheibe herunter und fragte strahlend und voller Begeisterung wer ich denn sei, da sie mich nun schon zum zweiten Mal die Straße hinunterlaufen sah. Ich war völlig geschockt – wollte sie nicht erst einmal eine Weile über meine Identität spekulieren? Ich stellte mich freundlich vor und sie bot mir direkt einen lift (Mitfahrgelegenheit) zum Bahnhof an, den ich eigentlich auch zu Fuß erreichen könnte. Ich wollte ihr freundliches Angebot aber nicht ablehnen und nachdem wir den Bahnhof erreicht und wir uns noch ein wenig unterhalten hatten, lud sie mich auf eine Tasse Tee für das kommende Wochenende ein. Wow. Wie freundlich, oder? Eine Fremde hatte tatsächlich mit mir gesprochen.

„Mein rechter, rechter Platz ist frei“

Den nächsten Kontakt mit der typisch irischen Freundlichkeit machte ich im Zug. Die meisten Sitzplätze waren frei, sodass ich mir einfach den Platz neben dem Eingang aussuchte. Während der „richtige“ Sitzplatz in Deutschland derjenige zu sein scheint, der sich am weitesten von unseren Mitmenschen entfernt befindet (Menschen hetzen durch kilometerlange Züge um das letzte KOMPLETT freie Sitzabteil zu ergattern!), ist es in Irland eher so, dass man sich gerne zu anderen Menschen dazusetzt – schließlich hat man sonst gar niemanden zum Reden, wie mich der nette Herr ganz verwundert aufklärte, welcher sich sofort zu mir setzte. Eine weitere Dame gesellte sich zu uns und so gestaltete sich meine Zugfahrt nach Dun Laoghaire als sehr unterhaltsam und wirklich abwechslungsreich.

Endlich angekommen in einem kleinen Cafè direkt am Meer wusste ich gleich, dass meine neu gewonnene Au Pair-Freundin und ich auch kulinarisch noch einiges dazulernen würden: Wer hätte gedacht, dass ich auf einer Speisekarte jemals „Marshmallow-Reis-Toffee-Schokoladen-Biscuits“ finden würde?

Und ja – DAS ist völlig normal (aber zur Küche Irlands komme ich das nächste Mal).