Ich mag [eigentlich] jeden! (Teil 5)

Dieses „eigentlich“ begrenzt das ganze leider, wenn es darum geht neue Freunde zu finden. Nach wem schaut man sich um wenn man nach neuen Freunden sucht – neuen Wegbegleitern für einen kurzen oder langen Zeitraum seines Lebens? Vielleicht nach Menschen, die ähnliche Interessen haben, die die gleichen Ansichten teilen und die einem eben irgendwie sympathisch sind. Und jetzt komme ich wieder mit meinen Disney-Filmen: Ich dachte immer, ich wäre so ein bisschen wie Pocahontas oder die weibliche Version von Tarzan – einfach offen für Neues und jedermann. Lianenschwingend von Land zu Land und interessiert an diesen neuen „Fremden“ – … egal wie sie aussehen, wo sie herkommen und welche Ansichten zum Leben sie haben. Grundsätzlich ist das auch richtig, doch was passiert wenn das Leben einen eines Abends auf einen kleinen italienischen Sportplatz führt, auf dem man Menschen trifft, die so anders aussehen und so anders sind, als die meisten Menschen, mit denen ich sonst meine Zeit verbringe.

Durch eine Freundin meiner Gastmutter lernte ich einige der Straßenkünstler aus den Straßen Desenzanos kennen. Fast alle waren von Armen bis Beinen tätowiert und hatten ungefähr 10 Piercings (pro Körperteil). Bekleidet waren die meisten mit weiten Hippi-Hosen und bunten Tops. Irgendwie „unnormal“ in meiner Welt. Oder? Sie jonglierten Bälle, Messer und Fackeln oder trainierten sonstige Straßenkunststücke. Als ich über den mit Flutlicht beleuchteten Sportplatz schaute, wurde mir klar, dass ich die einzige war, die hier irgendwie „unnormal“ aussah. Ich schaute an mir runter: Ich bereute dass ich mich am Morgen für das Sommerkleid und die geblümten Ballerinas entschieden hatte. Wieso hatte ich nicht die wasserlöslichen Spiderman-Tattoos mitgenommen, die ich von den Kindern meiner letzten Gastfamilie geschenkt bekommen hatte? Irgendwie war mein erster Gedanke: Oh man… hier passe ich irgendwie nicht rein. Doch nach wenigen Minuten bot mir einer der Jonglage-Künstler an, mir beizubringen wie man jongliert. Nach nur einer halben Stunde, war es dann alles normal. Ich lernte wunderbare Menschen, mit wunderbaren Ansichten zum Leben – nicht ganz so abgedroschen und langweilig wie ich sie kannte.

Ab diesem Tag verbrachte ich den ein oder anderen Tag in den Straßen Desenzanos und beobachtete Menschen, die andere Menschen zum Lachen brachten – und obwohl sie des öfteren mit spöttischen Blicken angestarrt wurden wegen ihres Aussehens und zu der Kategorie „Mensch“ zugeteilt wurden, von der man „lieber Abstand hält“ wusste ich, dass sie wunderbare Menschen waren.

Und nur durch diese Menschen konnte ich hinter eines der Erlebnisse auf meiner Italien-„To-Do-Liste“ endlich einen Haken machen: Auf einer Vespa durch die Straßen Italiens fahren. Danke.

Vielleicht hätte ich vorher noch einmal Pocahontas schauen sollen, dann hätte sie mich daran erinnert:

„Für dich sind echte Menschen nur die Menschen,
die so denken und so aussehen wie du.
Doch folge nur den Spuren eines Fremden,
dann verstehst du, und du lernst noch was dazu.“ (Das Farbenspiel des Winds)

Ich mag jeden. Und ich habe jonglieren gelernt.

 

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Ein Leibchen für Sherlock Holmes (Teil 3)

Das Familienleben gestaltete sich als sehr abwechslungsreich und harmonisch. In den ersten Tagen lernte ich nicht nur Zwilling A von Zwilling B (ab sofort „Plitsch“ und „Platsch“ genannt, aufgrund der unverwechselbaren Plitsch-und-Platsch-Geräusche wenn sie über den Fließenboden rasten bzw. krabbelten) zu unterscheiden, sondern auch meine Löffel-ins-Glas-und-dann-zum-Mund-Geschwindigkeit beim Füttern zu verdreifachen. Anfangs mag es nicht so aussehen als ob 7 Monate alte Babys Forderungen stellen können – doch wenn es um den nächsten Löffel Babybrei ging, machten Plitsch und Platsch klare Ansagen. Kurz vor meiner Ankunft hatten die Zwillinge herausgefunden, dass man Arme und Beine als Fortbewegungsmittel nutzen kann und so verbrachte ich viel Zeit damit, die kleinen Ausreißer einzufangen oder sie zu trösten wenn ein Arm mal nicht die gewünschte Bewegung ausgeführt hatte und die Nase auf den Boden „platschte“. Das Gute: Plitsch und Platsch waren zwei glückliche kleine Jungs, die ihr Leben noch nach einer simplen Routine verbrachten: Essen, schlafen, spielen (die Glücklichen!).

Doch Plitsch und Platsch waren nicht in einzigen, die meine ungeteilte Aufmerksamkeit wollten. Sherlock Holmes, 2,5 Jahre alt, italienisch-österreichischer Meisterdetektiv und Liebhaber von Lego und Büchern, wollte natürlich auch mit mir spielen. Wie das Synonym schon besagt, lernte ich ihn als anfangs zurückhaltenden aber extrem neugierigen kleinen Jungen kennen, der alles erforschte, was er in seiner Umgebung finden konnte. Und wie jeder Junge (ich sollte ja nicht aus der Übung kommen), baute er gerne Lego. Mit Sherlock zu reden war fantastisch, wenn es auch anfangs eine Herausforderung war – schließlich weigerte er sich die ersten zwei Tage mit mir auf Deutsch zu reden. Obwohl er alles verstand was ich ihm sagte und erzählte, konnte er es noch nicht so ganz verstehen, dass da nun zwei Personen im Haus waren, die Deutsch sprachen. So antwortete er mir anfangs ganz oft auf Italienisch. Noch viel überraschender war es für mich, dass ich die einzelnen Worte oder Phrasen die er häufig benutze selbst ganz schnell drauf hatte. Kommandos und Befehle scheinen in jedem Land mit demselben dazu passenden Kindergesichtsausdruck zu kommen. Und als Mr. Holmes dann merkte, dass es viel leichter war mit mir auf Deutsch zu reden, stellte er sogar Fragen zur Geschichte, wenn ich ihm Dr. Seuss‘ „Der Kater mit Hut“ vorlas – mit meiner sehr freien Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche. (“I know it is wet and the sun is not sunny, but we can have lots of good fun that is funny.” – ein tolles Kinderbuch!)

Wer hätte es gedacht, aber Italienisch war manchmal nicht die einzige Sprachbarriere. Sowieso schalteten wir recht viel um zwischen Deutsch, Englisch und Italienisch, was manchmal zu lustigen Verwirrungen führte. Ein Deutsch-Deutsch Wörterbuch wäre zwar überflüssig gewesen, aber ich stand schon einen Moment verdutzt da und musste überlegen, als ich ein neues „Leibchen“ für Sherlock holen sollte. Was zum Teufel war ein Leibchen? So kam es öfter vor, dass wir uns über deutsche Vokabeln austauschen. An diesem Tag versuchte ich mir dann auch mein hessisches „net“ und „gelle“ abzugewöhnen – nur für den Fall der Fälle, dass ich nicht verstanden werde.

Ich verbrachte also 46 wunderbare Tage mit Plitsch, Platsch und Sherlock Holmes. Wir plitschten und platschen also über den Fußboden oder wir flogen aus auf der Suche nach Abenteuern. Nebenbei lernte ich viele tolle Dinge und trank eine Unmenge an Kaffee mit meinen Gasteltern. Und wir aßen viel Pasta… oh, ich glaube das nächste Mal lest ihr hier was über die italienische Küche.

Attraversiamo! (Teil 2)

Hinübergehen. Lass uns hinübergeben. Attraversiamo! (Und so schnell habe ich Elizabeth Gilbert’s italienisches Lieblingswort verraten). Diesmal war es gar nicht mal so schwierig „hinüberzugehen“ in dieses fremde Land. Es war nicht schwierig das Flugticket zu buchen und auch nicht schwierig ins Flugzeug zu steigen. Schließlich hatte ich das alles schon einmal hinter mir UND ich würde schließlich nur für 46 Tage dort bleiben. Trotzdem war ich nervöser als ich es bei meinem ersten Au Pair-Abenteuer in Irland war. Bis ich das allerdings selbst realisierte saß ich schon im Flugzeug nach Verona. Um mich herum fast ausschließlich deutsche Touristen. Pärchen, Rentner, Kleinfamilien, Großfamilien – die typische Mischung Freizeiturlauber eben. Ich war nervös aus vielen verschiedenen Gründen und betrachtete die Wolken, die unter dem Flugzeug auftauchten und wieder verschwanden. Zum einen wusste ich natürlich nicht was mich dort in Italien erwartete und wie mein Sommer letztendlich verlaufen würde. War die Gastfamilie nett? Würde ich mit den Kindern zurechtkommen? Würde ich Freunde finden? Und so weiter und so weiter. Die deutschen Urlauber schnatterten voller Vorfreude von ihren Urlaubsplänen, lachten, stritten und vertrugen sich wieder als geklärt war wie viel Zeit sie am Pool verbringen wollten, wie viel Zeit im Hotelzimmer und wie viel Zeit am Buffet. Wie kann man nur ernsthaft in Betracht ziehen, Zeit am Pool zu verbringen, wenn es nur ein Katzensprung bis zum Gardasee war?! Naja, egal. Neben mir schnarchte ein kleinerer, dickerer, älterer Mann und er war der Grund wieso meine Nervosität im Laufe des Fluges drastisch anstieg. Während ich ihn beobachte, dachte ich nur: Wow, typisch Italiener. Muss ich denn immer schon auf den Flügen in andere Länder klischeemäßig so bedient werden? Nachdem er aufwachte, versuchte er mit seinem Mitreisenden Kontakt aufzunehmen. Leider saß der fünf Reihen hinter ihm. Er fuchtelte und wedelte und kurze Zeit später hatte er dessen ungeteilte Aufmerksamkeit. Eine hitzige Diskussion durch das halbe Flugzeug entbrannte. Viele fühlten sich gestört doch das war gar nicht mein Problem. Ich wollte dass die Herren Italiener weiterdiskutierten – doch schön, dass ich einfach mal NICHTS verstand und in eine Art stillschweigende Panik verfiel. Wie sollte ich mich je richtig verständigen? 10 Minuten später drehte sich mein Sitznachbar um. Es schien als habe er sich vollständig mitgeteilt, doch irgendwie war er trotzdem nicht so ganz zufrieden. Gedankenversunken drehte er seinen Kopf zu mir und seufzte: Mamma Mia! Ich grinste ihn an mit einem Lächeln, das wohl an den Joker aus Batman erinnerte. Ganz recht: Mamma Mia! Er merkte, dass irgendwas nicht richtig war und entschuldigte sich – vermutlich für die Störung durch das laute Gespräch. Als er merkte, dass ich ihn nicht richtig verstand, sagte er sanft: „Exscusa me. Italia not speak good Inglese“. Ich winkte ab, lächelte (normal) und dachte: Verdammt, der zweiwöchige Italienisch-Intensivkurs war wohl nicht genug. Schließlich würde ich mich zwar mit meiner deutsch-italienisch-englisch-sprechenden Gastfamilie verständigen können, doch die wohnen ja nicht in einem Schutzbunker, abgeschottet vom Rest der italienischsprachigen Welt.

Meine Zweifel fanden jedoch ein schnelles Ende als ich bei meiner Gastfamilie einzog – dort am Rande von Desenzano del Garda, zwischen den Weinfeldern gelegen in einem Haus aus Stein. Noch bin ich unschlüssig welche heldenhaften Namen ich den kleinen Protagonisten meines nächsten Eintrages geben soll, doch bleiben sie für jetzt „Die drei Fragezeichen“. Die nächsten 46 Tage meines Abenteuers sollte ich nämlich mit drei wunderbaren, kleinen Jungs verbringen. 3 kleine Jungs unter 3 Jahren, zwei davon Zwillinge, ähm ein Paar Zwillinge ähm Zwillingsbrüder von 7 Monaten und ein 2,5-jähriger Junge … verheißen Erwähnungen von vieeeeeelen Legobauwerken und Um-die-Wette-krabbel-Wettbewerben.

Ganz sicher habe ich hier einmal die richtige „Straße“ überquert. Attraversiamo. Ein wunderschönes Wort. (Aber nicht mein Lieblingswort).

 

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Buongiorno, Gelatoland! (Teil 1)

Ja, hier bin ich wieder mit meinen Erzählungen aus der Ferne. Diesmal schreibe ich über 46 wunderbare und aufregende Tage im Heimatland der Gnocchi und Spaghetti und der Weinberge, des berühmtesten „politisch-aktiven“ Staubsaugervertreters der Welt und natürlich des Gelato (Eis Creme). Ein Land in dem der Andrea und der Gabriele männlich sind und man mit „Tschau“ (ok, eigentlich ciao) begrüßt wird, natürlich melodischer und schöner betont als im Deutschen. Das konnte ja nur fantastico werden.

Aber was macht sie in Italien fragt ihr euch? Und das auch noch 46 Tage lang? Vor Studienbeginn und nach meiner Rückkehr aus dem magischen Guinnessland lag noch soooo viel Zeit. Genug Zeit um noch einmal den Rucksack zu packen und aus Deutschland zu fliehen. Wieso Italien? Ein bisschen Schicksal und ein bisschen … mehr Schicksal. Auf einer Au Pair-Webseite registrierte ich mich für fünf verschiedene Länder doch aus Italien kam nun mal das schönste und netteste Angebot. Ein zweiter Grund könnte gewesen sein, dass eine meiner Lieblingsautorinnen namens Elizabeth Gilbert in ihrem wunderbaren Reisememoire Eat, Pray, Love über zwei Seiten mit Bravour die Beschaffenheit einer italienischen Pizza beschrieben hat UND dass sie dort eine Person getroffen hat, die Spaghetti mit Nachnamen heißt. Im Ernst, was wäre fantastischer als einen Menschen zu kennen, der Spaghetti mit Nachnamen heißt?

Wenn ihr über mein Leben als Au Pair mit einer italienisch-österreichischen Gastfamilie im wunderschönen Desenzano del Garda, Kulturunterschiede, italienisches Essen, Freunde finden, Jonglieren lernen, an Leuchttürmen spazieren gehen, Italienisch lernen, Deutsch lernen, Englisch lernen, Eis essen, campen, Berge besteigen, und vieles mehr lesen möchtet, bleibt einfach dran. Elizabeth Gilbert nahm am Ende viele Erinnerungen und ihr italienisches Lieblingswort mit nach Hause. Die wunderbaren Erinnerungen hab ich ganz sicher mitgenommen … aber ob ich auch solch ein italienisches Lieblingswort mitgebracht habe, erfahrt ihr bald!